Myra Brodsky auf www.tattootimes.de
Tattoo Artists

Die Auswanderin – Tätowiererin Myra Brodsky // Interview

Myra Brodsky, a.k.a. Spinsterette, ist nach New York ausgewandert. Keine Stadt der Welt gibt ihr mehr Freiheit.

Aus einem Dorf im Elsass stach sich Myra Brodsky mit ihren Neo-Traditionals durch bis in eines der größten Studios Manhattans, New York, dem Red Rocket Tattoo. Ein Ort, an dem seit über 20 Jahren passionierte Artists alles zuhacken, was spontan Lust auf Tätowierungen verspürt – und das sieben Tage die Woche. 

„Walk-Ins welcome“ heißt es auf der Homepage. Myra, seit zwölf Jahren im Business, ist sich dabei nicht zu schade, Google-Birds als Andenken auf euphorische Touristen zu stechen. 

Tattoo von Myra Brodsky auf www.tattootimes.de
Der Duft der Liebe gewissenhaft verpackt in ein gefühlvolles Neo-Traditional.

Job ist Job. Und den liebt sie. Wegen diesem zog es die Tätowiererin in den Big Apple. Die Freiheiten, die die deutsche Jüdin dort genießt, würde sie gegen kein noch so gehyptes aber mit strengen Richtlinien durchzogenes Studio eintauschen.

Dementsprechende Angebote schlug sie in der Vergangenheit aus. Myra gambelt eben gerne, denn schon als Kind tobte sie mit ihrer Zwillingsschwester Rebecca durch die Casinos von Vegas, wo ihre Eltern Spielautomaten betrieben. 

Für die Zwillinge war es das Größte zuzusehen, wie sich die Walzen drehten, Knöpfe aufleuchteten und Sounds ertönten sobald die Dollars in die Slot-Machines fielen. Ihre Unabhängigkeit setzte die heute 31-Jährige allerdings nie aufs Spiel.

Im Interview erzählt sie von ihrer Liebe zu Berlin, der engen Verbundenheit zu ihrer Schwester, Antisemitismus und davon weshalb die Europäer den USA in vielerlei Hinsicht weit voraus sind. 

Tattoo von Myra Brodsky auf www.tattootimes.de
Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach ein Tattoo daraus.

Wie oft pendelst du zwischen Berlin und New York und wie erlebst du die Unterschiede der beiden Städte generell und in Bezug auf die Tattoo-Branche?
Ich komme zwei mal im Jahr für eine kleine Tour nach Deutschland. Meines Erachtens nach ist der Amerikanische Traum des Deutschen, der in die Staaten zieht und seinem Heimatland den Rücken kehrt, etwas veraltet. Ich selber liebe Deutschland sehr, habe dort immer noch viele Freunde und komme sehr gerne zum Tätowieren her. 

Nicht nur, weil meine Kunden dort viel spannendere Motivideen haben, die gehaltvoller sind und mehr Platz auf ihren Körpern einnehmen. Sondern auch, weil mir die Leute menschlich etwas zurück geben und ich mich mal über ganz andere Themen unterhalten kann, die mich tatsächlich interessieren. Bei Superhelden-Filmen und Comicbüchern komme ich leider mit den Amerikanern selten auf einen Nenner. Hier gibt es nicht viel Individualität und obwohl sie New York gerne »Capital of the World« nennen, ist Europa ihnen oft weit voraus.


»Europa ist den USA weit voraus«


Was ist es denn dann, was dich in New York hält, wenn es dort scheinbar weniger interessant als in Europa ist? Und wo sind die Europäer den USA voraus?
Ich möchte nicht zu politisch werden, da ich öffentlich generell nicht über Politik reden mag. Aber die Europäer sind den Amerikanern weit voraus in Bildung, Zunkunftssicherung, Krankenversicherung, Sozialversicherung, Effizienz und auch Baustandards.

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Ms. Brodsky im englischen Garten in München.

Und obwohl man hier vor Kakerlaken in der Wohnung und vor Ratten in der U-Bahn nicht sicher ist, liebe ich New York sehr. Ich bin wegen meinem Job hingezogen, also hält dieser mich hier. Schon ganz schön langweilig, oder? Hier bin ich alleine in köstlicher Einsamkeit und kann mich nur aufs Tätowieren konzentrieren. Wenn ich nicht arbeite, sitze ich zu Hause und zeichne oder schlafe. Rebecca, Partys und Reisen sind für mich mittlerweile Belohnungen.


»Ich habe den Arbeitsvertrag von Kings Avenue abgelehnt«


In New York hast du längere Zeit im legendären Kings Avenue Tattoo von Mike Rubendall tätowiert. Wie kam es dazu und wie war die Zeit dort? 
2016 schrieb Kings Avenue mir einen Arbeitsvertrag aus, den ich damals ablehnte. Dies mag für die Mehrheit nun nicht gerade leicht nachzuvollziehen sein und ich bin mir sicher, dass Mike und Grez mich immer noch zum Narren halten. Aber ich bin eine Reisende und gehe dorthin, wo mir die meiste Freiheit geboten wird. Ich bin nicht gut darin, in einer Kohorte zu funktionieren und mache gerne mein eigenes Ding im Tätowieren. Ich habe bestimmte Bindungen zu meinen Kunden, behandle jeden individuell und möchte gerne soviel Zeit und Mühe in meine Arbeit stecken, wie ich es für richtig halte. 

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Auch die Sonne braucht mal Schatten. In Myras Welt ist vieles möglich.

Es ist nicht so, dass ich es hasse, wenn mir die Autorität über die Schulter guckt. Aber ich möchte, dass man meine Arbeitsweise respektiert, denn ich bin vertrauensvoller, als mach einer denkt. Bei Kings Avenue gibt es strenge Richtlinien. Als Deutscher weiß ich ja, was Regeln und Ordnung bedeuten, wie dumm das auch klingen mag. Aber auch hier gibt es Grenzen. Wir sind alles Freelancer und keiner von uns hat eine Festanstellung. Ich möchte vor allem meinen Stil selbst entwickeln, formen und verändern, statt ihn einem hohen Tier angleichen zu müssen. Wer weiß, vielleicht werde ich ja in Zukunft noch dafür bestraft, abgelehnt zu haben.


»Ich bin eine Reisende«


Man hat dir eine Rolle in einer amerikanischen Tattoo-Show angeboten. Dafür hättest du einige Änderungen über dich ergehen lassen müssen. Letztendlich ist der Deal geplatzt. Was war passiert?
Ich habe mich zunächst nur darauf eingelassen, weil es für meine Immigrationsanwälte vorteilhaft erschien. Was mir persönlich überhaupt nicht gefiel, war, dass ich meinen Kleidungsstil komplett ändern musste. Ich trage immer Hosen und Hemden und für die Show hätte ich mich in knappe Kleidchen wie Ryan Ashley Malarkey zwängen müssen, die meine Tätowierungen sichtbar gemacht hätten. Sowas geht gar nicht. Wer meinen Körper sehen will, kriegt ihn nicht zu sehen und wer ihn nicht sehen will, hat schon gewonnen.

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Manchmal verbirgt sich in ihren Arbeiten auch das Geheimnisvolle.

Dazu hätte man mir den kompletten Instagram-Full-Face-Paint verpasst, der gerade vermarktet wird. Außerdem hätte ich Haarverlängerungen bekommen, um mich somit der Einheitsfrisur der Korkenzieherlocken anzupassen. Das ging mir eindeutig zu weit. Ich bin zwar nicht sehr zeigefreudig, aber komplett okay mit meinem Vokuhila und möchte lieber meiner Kunst einen Namen machen, statt meinem Äußeren. Ich wurde dann schließlich von einem Termin zum nächsten geschickt. Darunter war auch ein Besuch beim TV-Psychologen, der mir dann letztendlich die Diagnose gab, »zu normal« zu sein. Er hatte damit sogar recht.


»Sowas geht gar nicht«


Deine Zwillingsschwester Rebecca ist Besitzerin des Clubs »Barry« in Berlin. Verbringt ihr beiden gemeinsam viel Zeit im Nachtleben Berlins und New Yorks?
Meine Schwester und ich haben eine sehr besondere Bindung und ich bin sehr traurig darüber, dass wir uns nicht öfter sehen. Wir haben unsere eigenen Geheimzeichen, unsere eigene Sprache und Schrift. Ich nenne sie Püschel und sie nennt mich auch so. Und wenn eine von uns beiden am anderen Ende der Welt traurig ist, sagen wir: »Püschelchen, alles wird gut. Wir schaffen das zusammen.« Und dann sieht die Welt schon ganz anders aus. Alles, was nachts passierte, interessierte uns immer. Schon als Kinder. 

Nie erwachsen geworden: Die Brodsky-Twins.

Wir wollten immer so lange wie möglich wach bleiben und rein ins Geschehen, aus Angst, wir würden etwas verpassen. Diesen Drang haben wir uns bis heute behalten.

Als ich noch in Europa unterwegs war, kam sie zu vielen meiner Guestspots und auch zu den Conventions mit. Ich habe tagsüber tätowiert und nachts gingen wir aus. Wir hatten eine unglaublich tolle, sehr turbulente Zeit zusammen. Die letzten International Partygirls hat Rebecca uns damals genannt, wobei nichts der Geschehnisse den Weg ins Internet finden sollte, weil das Leben offline für uns immer viel spannender war. Als sie damals ihren ersten Club »Larry« eröffnete, entwickelte sich blitzschnell ein neues Who-Is-Who in Berlin Mitte und ich kam jeden Abend nach der Arbeit vorbei. 


»Keine unserer Eskapaden landet im Internet«

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Liebe, Schönheit, süße Früchte: Stilvoll verpackt in ein lupenreines Tattoo.

Ich wohnte damals in der gleichen Straße und somit war die Versuchung sehr groß. Heute führt sie erfolgreich ihren neuen, sagen wir mal gehobeneren Tanzclub »Barry« in der Nähe der Volksbühne. Immer, wenn ich in Berlin bin, helfe ich ihr dort an und hinter der Bar. Wenn Rebecca nach New York kommt, um mich zu besuchen, checken wir gerne gute Restaurants mit einer guten Weinkarte aus, die ja hier in den Staaten schwierig zu finden ist. Ich würde gerne sagen, dass unser Partyleben etwas gesitteter geworden ist. Aber leider kann ich das nicht. Weil Rebecca und mir nichts zu waghalsig ist. Wer nachts und auch tagsüber die halsbrecherischsten Ideen hat und diese auch bereit ist, mit uns zu teilen, wird unser bester Freund. Ich denke, dass sie und ich für immer Kinder bleiben werden. Ich weiß nur nicht, ob das jetzt magisch oder tragisch ist.


»Wir werden für immer Kinder bleiben«


Eure Eltern haben Spielautomaten in Las Vegas betrieben. Ihr habt eure Kindheit in den Casinos von Vegas verbracht. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Unsere Eltern waren beide in der Spielautomatenbranche tätig. Unser Vater leitete das Unternehmen Bally Wulff und unsere Mutter führte selbst ein Casino. Rebecca und ich waren sieben Jahre alt, als wir zum ersten Mal nach Las Vegas mussten. Für uns Kinder war das ganz toll, vor allem, weil Vegas in den 90ern noch viel authentischer war als heute. Das letzte Mal war ich mit Rebecca und meiner Mutter dort und wir waren enttäuscht. 

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Family Business: Myra mit ihrer Schwester Rebecca (li.) und ihrer Mutter (re.) in Las Vegas.

Sin City hat sich plötzlich in einen verharmlosten Spielplatz verwandelt, der nicht mehr viel Raum für Reize lässt. Freizeitparks, Shows und Nachtleben waren an der Tagesordnung und wir fühlten uns dort sehr wohl. Leider bekommt man nicht viel von der Spielerei mit, wenn man noch ein Kind ist und somit wurden wir stets von den Casinohallen ferngehalten. Unsere Eltern waren sehr geschäftstüchtig und hätten selbst nicht einen Cent in die Automaten geschmissen. Meine Schwester und ich aber, schlichen uns später in unseren Teenagerjahren in das Casino unserer Mutter und verspielten kleine Mengen, einfach nur, um die Walzen sich drehen zu sehen. 


»Sin City hat sich in einen verharmlosten Spielplatz verwandelt«


Bist du dort auch zum ersten Mal Tätowierungen begegnet? Oder wie und wann war das?
Die meisten unserer Kunden im Casino waren Stammgäste. Viele von ihnen waren tätowiert. Ob es die erste Begegnung war, das kann ich nicht sagen. Woran ich mich erinnere, ist, dass meine Mutter eine sehr konservative Meinung gegenüber Tätowierungen hatte, aber auch gegenüber Piercings und sogar Ohrringen und stets Lust hatte, darüber zu diskutieren.

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Filigran und romantisch. Trotzdem lassen sich meistens Männer von Myra tätowieren.

Wie kam es dann dazu, dass du dich selbst hast tätowieren lassen und wie wurdest du letztlich Tätowiererin?
Nach dem Abitur zog ich nach Berlin. Ich war 19 und fing gerade an, Visuelle Kommunikation zu studieren. Ich war zum ersten Mal im Leben komplett alleine. Rebecca und meine Eltern waren fast 800 Kilometer weit weg von mir. Durch neue Bekanntschaften lernte ich damals meine beste Freundin Sonja (Sonja Wiesbeck, Tätowiererin bei »Zum frischen Lutz« in Berlin, Anm. d .Verf.) kennen, die bereits dabei war, das Tätowieren zu lernen. Sie hatte alles, was man so brauchte, zu Hause in ihrem Wohnzimmer und schon bald würde ich regelmäßig vorbei kommen, um von ihr zu lernen. Wir tätowierten unsere Freunde, uns gegenseitig und uns selbst.


»Ich war zum ersten Mal alleine«


Heute hantierst du mit viel Farbe und stichst detailerte Neo-Traditionals. Wie hast du dich in diese Richtung entwickelt?
Farbe ist doch schön, oder? Durch Farbe kann man viel mehr Gefühle, Sichtweisen, Standpunkte und Erfahrungen zum Ausdruck bringen. Schwarzgraue Tattoos sind auch schön. Aber das wäre mir zu einfach gedacht. Ich brauche Farben, um mich auszudrücken. Die meisten Leute sind zwangsweise auf der Suche nach einem eigenen Stil oder versuchen ständig sich, zu verändern. Ich hingegen hab mich nie verändert. 

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Myra hat Ideen und weiß sie umzusetzen.

Sehe ich das richtig, das Künstler wie Robert Indiana, Lewis Carroll oder Andy Warhol dich als Tätowiererin geprägt haben?
Die großen Amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts haben schon etwas Besonderes. In meiner alten Wohnung hatte ich Drucke von David Hockney und Edward Hopper. Ich kann nicht genau sagen, ob mich Pop-Art wirklich berührt. Es ist nun mal da. Ich schau es mir gerne an, aber nicht ab. Wenn Kopien davon irgendwo auf meinen Kunden landen, liegt es lediglich an der Nachfrage. Lustig, oder? Amerikaner stehen tatsächlich auf Kopien. 


»Amerikaner stehen auf Kopien«, sagt die Tätowiererin


Wessen Kunst berührt dich?
Mich berührt vieles. Als ich 17 war und eine Abschlussarbeit über ein beliebiges Thema im Leistungskurs Kunst schreiben musste, wählte ich eines, das noch nicht weit bekannt war. Matthew Barney vollendete damals sein 400-minütiges Filmwerk »The Cremaster Cycle« und ich fing an, es zu analysieren. Ich schrieb mir damals die Finger wund und hatte dennoch großen Spaß dran. Mein Interesse an dem Werk war grenzenlos und absorbierte mich zum Ende hin fast komplett. Ich bekam damals eine Eins und ließ mein Wissen über die einzelnen Themen in dem Kunststreifen nie wieder los. Eine andere Liebe war die Musik oder sagen wir, die Musikgeschichte. 

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Holy Crab! Myra stimmt Pink, Türkis und Gelb tiptop aufeinander ab.

Sie ist immer dabei, wenn ich zeichne. Ob das jetzt Franz Liszt ist oder der Soundtrack vom 70er-Pornostreifen »Deep Throat« oder »Jeanny« von Falco. Alles, was ich an Musik finde und konsumiere, berührt mich wie keine zweite Kunstform und ich kann mich auch hier komplett verlieren und fallen lassen. Und das will ich auch. Wenn es keine Kunstform ist, die mich berührt, dann sind es die Lebensgeschichten meiner liebsten New Yorker Ikonen wie Dorothy Parker oder Diana Vreeland. Dianas Porträt habe ich übrigens auch auf meinem Arm tätowiert. Sie war das Glück und Dorothy war die Traurigkeit und ich bin irgendwo dazwischen in guter Balance.


»Ich bin zwischen Glück und Traurigkeit in guter Balance«


Wie fließen äußere Eindrücke aus Kunst und Alltag in deine Motive ein?
Ich laufe gerne alleine durch New York oder durch andere Städte und Orte, die ich besuche. Wenn mir eine besondere Akanthusranke an einer Fassade auffällt, halte ich sie fest und versuche sie, irgendwo einzubringen. Wenn ich alleine ins Quad-Cinema gehe, dann nehme ich da so einiges mit. Ich habe dort den ein oder anderen Pasolini, Fellini oder Vadim gesehen. Im Film »Spirits of the Dead« spielt Terence Stamp zum Beispiel einen irren Schauspieler, der im italienischen Fernsehen ein Interview geben muss und absolut keinen Bock darauf hat. Ich danke dir also, dass du mich interviewst. So kann ich mich genau wie Terence fühlen und das erfüllt mich ungemein. 

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Flower Power frontal.


»So kann ich mich wie Terence fühlen«


Das widerspricht sich irgendwie. Gibst du als Tätowiererin gerne Interviews oder nicht?
Ich gebe gerne Interviews, ein bisschen was zu sagen steht mir ja auch zu. Und auch Terence als Toby Dammit hat es bestimmt insgeheim genossen, interviewt zu werden. Als ihn gefragt wird, was er denn hasse, sagte er ‚my public‘ und hier muss ich ihm auch recht reben. Für mein Visum musste ich damals unzählige Interviews geben und mir wurden die Worte immer wieder im Mund rumgedreht. Die Deutsche Welle landete dann den Volltreffer, als sie meine brauchbaren weisen Worte einfach herausschnitt und ich am Ende klang wie eine stimmenlose Packung Pistazien, die man samt der harten Schalen später in Müll wirft, nachdem man den süßen Kern ausgelutscht hat. Langweilig. Nein, lieber Jan, ich mag Interviews geben. Und deines hat wirklich sehr viel Spaß gemacht. Ich danke dir.

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Stilsichere Accessoires, gedeckte Farben und bewegte Gesichtsausdrücke: Brodsky lässt alles perfekt ineinanderfließen.

Wie entstehen deine Arbeiten in Zusammenarbeit mit den Kunden? Wer hat die Ideen, wie setzt du sie um und wie berätst du deine Klientel?
Wenn jemand hineinschneit, der persönlich nach mir fragt, kann der sich darauf gefasst machen, auch etwas Persönliches zu bekommen. Manche Leute wählen Motive, die nicht funktionieren oder die nicht wirklich zu ihnen passen. Aber zum Glück haben sie mich und ich mache dann mit ihnen ein umfangreiches Brainstorming. Ich schreib all ihre Standpunkte in mein kleines Büchlein und komme dann abends zu ihnen per Telefon zurück. Jeder braucht doch ein bisschen Individualität. Das ist doch das Mindeste. Meine Skizzen mache ich vorm Schlafengehen. Das liebe ich. Dann kann ich besser schlafen und mich morgen früh auf ein hübsches Motiv freuen. Und am Ende kriegt jeder, was er will.


»Meine Skizzen mache ich vor dem Schlafengehen«


Dabei entstehen sehr filigrane und feine Motive. Ist dein Stil eher was für die Mädels oder aus wem setzt sich deine Kundschaft zusammen?
Lustigerweise habe ich in den Staaten mehr männliche Kunden. Vielleicht kann mir ja jemand erklären, warum das so ist. Ich kann es nicht.

Seit wann bist du Tätowiererin und welche Veränderungen beobachtest du in dieser Branche während der letzten Jahre?
Ich bin nun im zwölften Jahr angekommen und bin immer noch nicht müde. Da sich Ort, Umgebung und Mensch gerne um mich herum verändern, abgesehen davon, wohin es mich verschlägt, möchte ich mir gerne meine eigene Konstante beibehalten. Ich wollte und will zeitlose Tätowierungen machen, die sich jenseits von Trends bewegen. Viele Leute sind aus dem Nichts auftgetaucht und groß geworden und viele sind gefallen und haben gar mit dem Tätowieren aufgehört. Meine Position in der Branche mag ich allerdings so sehr, dass ich es noch nicht für dringend notwendig halte, mich in eine andere künstlerische Richtung zu drehen. 

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Black Swan mit Jugendstil-Elementen.


»Diese Arroganz hat mich immer schon sehr traurig gestimmt«


Was mich manchmal ein bisschen stört, ist, dass es mittlerweile so viele Tätowierer gibt, die sich als Künstler betiteln wollen. Hin und wieder haben wir einige dieser Exemplare bei Red Rocket zu Gast und sie zeichnen sich durch die Bank weg durch ein sehr spezielles Verhalten aus. Sie sind jung, tätowieren seit knapp einem Jahr, nur schwarze kleine Motive, sozialisieren sich nur schwer und weigern sich, die Motive zu tätowieren, die vom Kunden verlangt werden. Was soll ich denn dazu noch sagen? Ich arbeite im größten Shop Manhattans und wir stechen nun einmal Google-Birds und Infinity-Symbole. Das ist auch Arbeit. Warum soll ich den Leuten keinen Gefallen tun und ihr kleines Souvenir aus New York stechen? Ich finde es gemein, diese Art von Kundschaft abzuwimmeln. Diese Arroganz hat mich immer schon sehr traurig gestimmt.

Red Rocket Tattoo hat sieben Tage die Woche geöffnet. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeitsmoral New Yorks von der in Berlin, bzw. die Auftragslage? Im Interview mit Michael Litovkin hat er uns z.B. verraten, dass ihm New York einfach zuuu busy war.
Red Rocket macht mir Spaß. Wir kennen uns dort alle schon eine Weile. 2014 habe ich dort angefangen mit regelmäßigen Guestspots. Adam Hays und Mike Bellamy haben mir den Umzug nach New York sehr viel leichter erscheinen lassen. Menschlich gesehen ist der Laden wunderbar. Das Einzige, was mich öfter mal nervt, ist, dass hier jeder auf seinem dämlichen iPad zeichnet. Das ist doch die Höhe! Ich bin die einzige lebendige Person hier, die noch Papier und Stift verwendet. 

Und das lass ich auch gerne alle wissen.

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Die Würde des Flamingos drückt sich in dieser Arbeit ebenfalls aus.

Ich selber arbeite nur fünf Tage die Woche. Zusammen sind wir zwölf Leute, die abwechselnd vor Ort sind. Es kann sehr voll werden bei uns, vor allem, weil wir direkt im Herzen von Manhattan liegen. Aber das ist das Spannende. Was die einen als Stress bezeichnen, heißt bei mir Spiel und Spannung. Es wird nie langweilig. Und die Freiheit, die mir hier geboten wird, ist unbezahlbar. Mit keinem poshen High-Class Elite-Laden der Welt würde ich da tauschen.


»Was die einen als Stress bezeichnen, heißt bei mir Spiel und Spannung«


Du hast eine Jagdhündin namens Uma, die du auch fotografisch sehr gekonnt in Szene setzt. Ist sie deine Abwechslung zur Tattoo-Blase?
Uma ist eine kleine Person, die ich liebe wie keine zweite. Ich meine, schau sie dir an. Wir sehen uns zum verwechseln ähnlich. Sie ist jetzt drei Jahre alt und wird immer schöner. Sie wohnt friedlich im Baumschulenweg, Berlin, zusammen mit meinem besten Freund Chris. Chris und ich waren mal verlobt und gaben uns das Trennwort, das schließlich in ewiger Freundschaft endete. 


»Sie ist jetzt drei Jahre alt und wird immer schöner«

Retriever Uma liebt die Freiheit. Wie ihr Frauchen.

Am schönsten ist Uma beim Dummy-Training. Sie ist ein Nova-Scotia Duck-Tolling Retriever und braucht sehr komplexe Aufgaben. Sie geht darin richtig auf und kann sich abgesehen davon nur schwer mit anderen Hunden einigen. Als wir sie als Baby aufzogen, war sie die lauteste aus ihrem Wurf. Zum Glück war sie bereit, sich etwas bändigen zu lassen. Wenn ich bei Uma und Chris zu Besuch bin, fahren wir oft mit einem Lastenfahrrad durch die Stadt oder durch den Wald. Sie schaut mich während der Fahrt hin und wieder an, als wenn sie sicher gehen wollen würde, ob ich noch da bin.

Du stammst aus einer jüdischen Familie und bist selbst Jüdin. Ist das ein wichtiges Thema für dich und lebst du diese Religion?
Ich bin in einer kleinen Gemeinde in Brooklyn und fühle mich dort sehr wohl.

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Myra schenkt ihrer Klientel die volle Aufmerksamkeit.

Du hast erzählt, dass du sowohl in den USA als auch in Deutschland einen Anstieg von Antisemitismus erlebst. Sogar der Laden neben deinem Studio wurde mit judenfeindlichen Parolen bemalt. Was macht das mit dir als Jüdin?
Das ist ein sehr komplexes Thema, das immer wieder den Weg in die Presse schafft. Ich finde das nicht gerade wunderlich. Was ich mir vom Kindergarten bis zur Schulzeit, Uni und bis zum heutigen Tage anhören muss, ist unglaublich. 


»Auch in der Tattoo-Branche hat die Tätowiererin Antisemitismus erlebt«


»Du bist nicht Deutsch genug« und »Geh zurück nach Bergen-Belsen«, extrem negative Aussagen, die ich mir schon als Kind anhören musste. Obwohl ich später noch schlimmere, abscheulichere Formen des Antisemitismus erfahren musste. Wir könnten Stundenlang dieses Problem ausdiskutieren und trotzdem wären noch genügend Fragen offen und viel Vergangenheitsaufarbeitung zu tun. Darum lass ich es einfach hierbei: Antisemitismus kommt leise und ist überall. Von rechts, links, der Mitte, oben und unten. 

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Immer wieder finden sich auch die verschnörkelten Elemente des Rokoko in den Arbeiten der Tätowiererin und Illustratorin.

»Du bist nicht Deutsch genug« und »Geh zurück nach Bergen-Belsen«, extrem negative Aussagen, die ich mir schon als Kind anhören musste. Obwohl ich später noch schlimmere, abscheulichere Formen des Antisemitismus erfahren musste. Wir könnten Stundenlang dieses Problem ausdiskutieren und trotzdem wären noch genügend Fragen offen und viel Vergangenheitsaufarbeitung zu tun. Darum lass ich es einfach hierbei: Antisemitismus kommt leise und ist überall. Von rechts, links, der Mitte, oben und unten. 

Hast du Antisemitismus auch in der Tattoo-Branche erlebt?
Aber natürlich. 

Wahrscheinlich hast du diese Stimmungen und Entwicklungen immer auf dem Radar, die derzeit wieder besonders aktuell sind. Wo fühlst du dich denn noch wohl und sicher auf der Welt?
Ich möchte hier noch einmal darauf hinweisen, dass es nicht um die eine politische Richtung geht, aus dem der Antisemitismus kommen mag. Schaut euch um und euch selbst an.

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Die Musik ist Myras ständiger Begleiter, auch beim Zeichnen.

Terminvereinbarung:
Spinsterette
E-Mail: meibrent@hotmail.com
www.myrabrodsky.com

Red Rocket Tattoo

Interview: Jan Burger
Fotos und Videos: Myra Brodsky

26. Mai 2019