Foto von Michael und Lisa Litovkin auf www.tattootimes.de
Tattoo Artists

»Wir sind wirklich glücklich« – Tätowierer Michael Litovkin // Story

Frankfurt am Main ist um ein Top-Studio reicher. Und alle sind happy.

Frankfurt hat seine Qualitätsstudios – keine Frage. Doch im Vergleich zur Einwohnerzahl von fast 750.000 sind diese in der fünftgrößten Stadt Deutschlands verhältnismäßig rar gesät. Für Anbeter/innen erstklassiger Tätowierungen ist deshalb die Eröffnung von Massolit FFM ein wichtiges Ereignis, denn Tätowierer Michael und Shop-Managerin Lisa Litovkin bringen FFM wieder back on the map – auch wenn die Werkstätte des Ehepaares in einer Seitenstraße des Frankfurter Nordends leicht zu übersehen ist.

Nur wer aufmerksam hier entlang geht, sieht, dass am weiß abgeklebten Schaufenster auch ein paar Fotos von Tätowierungen aushängen. Wer dann noch einen Schritt näher rantritt, dem wird klar, dass die unauffällig exponierten Arbeiten ein Gütesiegel in sich tragen. Der crispy cleane Realistic-Style lässt erkennen, hier hat ein Profi eingecheckt: Michael Litovkin.

Ganz schön Herz vor der Hütte. Ziemlich ausdrucksstarkes Chest-Piece mit einem Spritzer Farbe.

Nicht wie überall
Im überschaubaren Innern empfängt eine spartanische Einrichtung. Für mehr als das Wichtigste ist hier momentan noch kein Platz. Eine Couch, zwei Fotolampen zum Ausleuchten beim Arbeiten und Fotografieren sowie ein kleiner Tisch auf dem Lisa an diesem kühlen Herbsttag heißen grünen Tee serviert. Ein Heizlüfter sorgt schnell für Wärme. Das junge Start-up richtet sich gerade erst ein.

An den Wänden eine handvoll Bilder. Darunter auch Zeichnungen der verstorbenen Ikone Marcuse, dem Gründer des Smilin‘ Demons in Mannheim. In dessen nach wie vor laufenden Studio arbeitet Michael seit über drei Jahren mehrmals im Monat. »Das Smilin` Demons ist ein besonderes Studio, voller Kunst. Es hat diese angenehme Ausstrahlung. Dort ist es nicht wie überall. Du kannst die Geschichte des Shops förmlich riechen. You know?«, erklärt Michael, 36, in Englisch mit russischem Akzent.

Vader und Maul teilen sich ein Bein und versprühen dabei reichlich Effekte. Wie es sich für eine Star-Wars-Story gehört.

Auf Sachalin aufgewachsen, der größten Insel Russlands, emigrierte der damals jugendliche mit seiner Familie ins israelische Tel Aviv. Dort lebte er 17 Jahre. Seine Frau Lisa kommt aus Deutschland, regelt den organisatorischen Teil des Studio-Alltags und springt beim Übersetzen ein. Ihre Wege kreuzten sich in Mannheim. Von da an reisten sie gemeinsam rund um den Globus.

Doch bis es soweit war, als Tattoo Artist von internationalen Institutionen angeheuert zu werden, gesponserte Vorträge auf chinesischen Conventions zu halten und ein Studio in Frankfurt am Main zu beziehen, galt es für Michael ein paar Hürden zu nehmen und Erkenntnisse zu sammeln. Heute und Jahre später erzählt er relaxet seine Geschichte während die Blogger ihm gegenüber interessiert zuhören. Letztendlich kommen die Litovkins zum Schluss: »Wir sind wirklich glücklich.« Aber von vorne.


»Mein erster Stich war einen Zentimeter tief.«


Mindblowing
Michael ist gerade 16 als er mit leuchtenden Augen in einem Studio in Tel Aviv vorspricht und seinen Wunsch Tätowierer zu werden einem Artist der Alten Schule zu vermitteln versucht. Vorerst vergebens. Seine erste Maschine kaufte er 1999 einem anderen Tätowierer aus Tel Aviv ab. Ohne weitere Instruktionen zum Gebrauch des stechenden und vibrierenden Werkzeugs kam es, wie es kommen musste: »Bei meinem ersten Versuch auf einem Freund, wusste ich nicht, wie tief ich stechen sollte. Der erste Stich war darum fast einen Zentimeter tief.«

Michael versteckt noch heut scheu das Gesicht hinter seiner Hand und lächelt schelmisch, wenn er davon erzählt. »Es waren einfach verrückte Zeiten und auch das Internet war noch nicht auf ultra Highspeed.«

Viel Schwarz lautet Michaels Devise.

Interessanterweise war die Konsequenz dieser tiefgehenden Arbeit, dass auch andere sich von ihm hacken lassen wollten. Bei diesen ersten Gehversuchen blieb es dann allerdings bis auf Weiteres. Zunächst studierte er Fashion Design an einer Kunstschule, bis ihn sein Schicksal auf dem Smartphone anrief. Ein Tätowierer aus Tel Aviv war auf eines seiner frühen Tattoos gestoßen, und befand es für ziemlich solide. Ob er nicht in seinem Studio arbeiten wolle.

Nach langer Abwesenheit im Buisness durchforstete Michael das Netz. Wo steht Tattooing im Jahr 2008 denn so? »It was mindblowing! Als ich sah, was sich in der Zwischenzeit alles getan hatte, wollte ich unbedingt wieder dabei sein. Also hab ich das Studium geschmissen.«

Tote Augen machen wuchtige Portraits.
Akkurate Komposition aus Pattern und Realistic.
Michael bespielt auch asiatische Themengebiete.

Denn sie wissen, was sie wollen
16-Stunden-Tage, tausende Walk-Ins und aufschlussreiche Reisen folgten in den kommenden Jahren. So wurde ihm beim Globe Trotting auch klar, dass der Hype um den Big Apple zwar astronomisch ist, er selbst aber mit dem Struggle New Yorks nicht zurecht kommt: »Mir fehlte dort die authentische Freundlichkeit. Dort zu leben ist sehr intensiv und es fiel mir ehrlich gesagt schwer, mit den Menschen zu connecten.«

Der Anruf von Maya, Marcuses Ex-Frau und heutige Shop Managerin des Smilin‘ Demons, kam da gerade recht, fühlte er sich in Israel und Deutschland doch immer am wohlsten. »Die Kreativität, Projekte und Kunden liegen mir in Tel Aviv sehr. Die Menschen dort haben ihre eigenen Ideen, sind aber immer offen für meine Vorschläge. Ich liebe es, in Deutschland zu tätowieren, aber die wissen schon sehr genau, was sie wollen, wenn du weißt, was ich meine. Es ist schwieriger, die Deutschen ein bisschen zu öffnen. Aber es geht.«

Bullterrier mit sanftem Hundeblick. Wau!

Und zwar so: Die Kunden erklären ihre Wünsche. Michael bringt seine Vorschläge. Innerhalb dieses Kennenlernprozesses entsteht Inspiration. »Ich werde vom Menschen inspiriert, der vor mir sitzt. Während er mir seine Vorstellungen erklärt, bekomme ich einen Gesamteindruck von ihm oder ihr. Ich nehme die Aura war. Dann zeichne ich ein bisschen. Put some stuff togehter. Wenn ich dann unterwegs bin, kommt mir automatisch die Idee, wie es mit dem Design weitergeht. Es ist ein Prozess während dem mir auch Lisa manchmal sagt, dass sie diese oder jene Richtung gut findet.«


»Ich werde vom Menschen inspiriert, der vor mir sitzt.«


Von unten nach oben
Steht das Design, kann das Tattoo entstehen. Michael setzt den ersten Stich an der untersten Stelle des Stencils. Von da aus arbeitet er sich akribisch nach oben. Dort angekommen steht das Motiv, vorerst. Dann wird überarbeitet. Er färbt hier etwas nach, setzt da einen Glanzpunkt, mach das Gesamtbild schärfer.

So entstand auch der Gladiator auf dem Oberarm. Nach sieben Stunden und nach nur einer Session war das Bild des Berufskämpfers aus dem antiken Rom vollbracht. »Ich arbeite relativ schnell, auch wenn ich so eine Arbeit auch gerne auf zwei Sitzungen verteile. Aber manchmal haben die Kunden keine Zeit. Jemandem aus den USA habe ich mal zwei Sleeves in drei Wochen gestochen.« Aber in welche Schublade soll man seine Arbeit denn nun kategorisch verräumen?

Nach sieben Stunden konnte der Gladiator seinen Mann stehen.

»Mein Stil basiert auf Realismus. Er ist die Basis für viele Fähigkeiten beim Tätowieren. Wenn du eine Hand zeichnest, dann musst du wissen, wie die wirklich aussieht. Allerdings ist mir Realismus allein zu langweilig. Darum versuche ich ihn zu verändern. Ich versuche nicht, die Realität 1:1 abzubilden. Mein Ziel ist es, etwas Langlebigeres erschaffen. Ich mache Realistic mit Was-auch-immer-gut-aussieht. Viele fragen mich auch nach Asia- und anderen Styles. Ich benutze also unterschiedliche Elemente, aber mache immer mein Ding daraus.«

Dazu bedarf es manchmal auch klassischer Outlines, z.B. bei graphischen Arbeiten, Mustern oder Sketches. Michael arbeitet viel Schwarz in die Haut, um das Gesamtbild standhaft und haltbar zu machen. Ihre Strahlkraft beziehen seine Motive wie Darth Vader, Tiger oder Blumenbuketts aus dieser bolden Technik gepaart mit spontaner Kreativität.

Diese Homage an die Kunst mündet in einer Farbexplosion.

Man versus Machine
»Aber wer weiß: Eines Tages erfindet jemand etwas, das es ermöglicht, Tattoos noch besser zu machen. Ich kenne Leute in Israel, die längst an einem Tattoo-Roboter arbeiten. Er hat schon einige Menschen erfolgreich tätowiert, ist also sehr weit entwickelt. Wir nähern uns schon jetzt dem Punkt, an dem wir unsere Gliedmaßen dieser Maschine anvertrauen.«

Warum sollte man dann noch zu einem Artist gehen? »Eben, weil du ein Artist bist! Unter diesen Umständen musst du es sein.« Der Blick in die Zukunft löst bei Michael unterschiedliche Gefühle aus. Den Berufsstand des Tätowierers sieht er aber nicht gefährdet. »Wir sind kreativ. Die Maschine ist es nicht.«

Michael bei einem Vortrag in Tel Aviv. Es geht natürlich um Realistic-Tattoos.

Zumindest noch nicht. Zahlreiche Beispiele künstlicher Intelligenzen haben bereits bewiesen, dass sie nicht nur originell sind, sondern den Menschen darin bei weitem übertreffen können. In wenigen Jahrzehnten könnte diese Entwicklung auch das Tätowieren komplett umkrempeln.

Lisa sieht darin allerdings keine echte Perspektive: »Ich möchte kein Tattoo von einer Maschine. Mir würde dabei die Seele fehlen. Man sieht ja auch, dass die Menschen wieder nach Handgemachtem suchen. Nicht nur beim Tätowieren, auch bei Lebensmitteln, Kleidung und so weiter. Handgemacht und regional ist, was sie sich wünschen.« Vielleicht sehnen sich auch die Frankfurter/innen nach mehr regionaler Tattoo-Kunst. Bei Massolit FFM werden sie jedenfalls fortan fündig. Was ein Glück.

Terminvereinbarung:
Massolit FFM
Frankfurt am Main
www.facebook.com/michaellitovkintattoo
www.instagram.com/massolit_ffm/
info@litovkin.com
Tel.: +49177-648-142-6

Text: Jan Burger
Video: Massolit FFM
Tattoo-Fotos: Massolit FFM
Foto von Lisa und Michael: Jan Burger

03. Februar 2019