Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Tattoo Artists

Ein Tag mit Tiraf – So tätowiert man in Frankreich // Story

Wir stellten uns auf eine gewohnte Tattoo-Session ein, aber erlebten die Performance eines passionierten Meisters.

Seit Jahren haben wir Raphael Tiraf, genannt Tiraf, auf dem Schirm. Seine minimalistischen Designs asiatischen Ursprungs sind plakative Eyecatcher, die sich über fast zwei Dekaden entwickelten. Er lebt im französischen Mulhouse. Wo genau das ist, wollten wir wissen, als uns Instagram vor ein paar Wochen wieder eines seiner kompromisslos schlichten Tattoos auf dem Screen anzeigte.

Tattoo von Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Und ihr dachtet, Pandas fressen nur Bambus.

Der Affe und die Kaki

Es sind zwei Handrücken derselben Person. Auf dem einen ein Affe, auf dem andern eine Kakipflaume. Orange-rot leuchtend wie ein Blutmond, kreisrund und die gesamte Fläche bedeckend. Beide im asiatischen Stil, wie ihn Tiraf seit 2012 sticht. Zuvor hackte er sich durch das Traditional-Topic. Davor durch Comic-Styles und zu seinen Anfangszeiten zeigte ihm Jon Bretzel aus Colmar in Frankreich, wie man die Tattoo-Gun richtig durchlädt. Damals war Tiraf Anfang 20, trug Baggies und bouncte zu HipHop von NTM.

Tattoo von Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Affen und Kakis sind seit je her gute Freunde.

Blutige Souvenirs

Wir schreiben Tiraf. Nach ein paar Tagen antwortet er auf unsere Nachricht und gibt uns einen Termin. Wir machen uns also auf den Weg nach Frankreich, um uns ein blutiges Souvenir fürs Leben zu holen. Es ist wieder Tattoo Time.

Knapp 110.000 Einwohner leben in Mulhouse, und trotzdem wirkt es bei unserer Ankunft dörflich. Es liegt im Osten Frankreichs, zwischen Freiburg und Basel. Hier bekommst du beim Bäcker, der seinen Teig noch selbst knetet, die verschiedensten Eclairs, während du mit Handzeichen erklärst, welches genau du willst. Denn hier, wenige Kilometer hinter der Grenze, spricht kaum jemand Deutsch oder Englisch. Tiraf lebt seit seiner Geburt hier im elsässischen Dreiländereck. Seit ein paar Jahren auch mit Frau und zwei Kindern.

Tattoo von Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Tiger und Drache haben da eine Meinungsverschiedenheit.

Hölzerner Aberglaube

Die Sonne schiebt sich an diesem Morgen ab und zu durch die dichten Schäfchenwolken. Als sich unter ihr das anthrazitfarbene Tor zum Hof der Künstlerkommune automatisch öffnet, tritt Tiraf zum Vorschein. Kurze Blue Jeans, schwarzes Shirt, schwarze Sneaker, die schwarzgrauen Haare kurz und im Fade-Cut geschnitten. Aufrichtiges Lächeln – und gutes Englisch. Er freut sich spürbar auf seine Gäste.

Wir überqueren den Hof. Dabei grüßt er einen weiteren Künstler, der hier auf dem Gelände orgasmische Skulpturen und abstrakte Gemälde fertigt. Im Haus angekommen, öffnet Tiraf die Tür zu seinem im Erdgeschoss gelegenen Studio namens Knock on wood.

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Tiraf und sein Holz. Im Studio ist der braune natürliche Rohstoff überall.

Tatsächlich findet man hier vieles, das aus dunklem und hellem Holz besteht. Den Boden, zum Teil die Wände, die Regale und ein Schreibtisch auf dem er sein Sketchook und Zeichnungen seiner Tochter abgelegt hat. Zum Namen für dieses Vierzimmer-Studio inspirierte ihn seine Frau: »Du sagst doch immer, »klopf auf Holz«, wenn etwas gut gehen soll. Außerdem heißt dein Lieblingssong Knock on wood.« Der Studioname war geboren. Familienmensch Tiraf gesteht uns an diesem Tag auch seinen Aberglauben.

Protect Ya Neck

Es ist 11 Uhr und ich beginne, einen Großteil meiner Kleidung abzulegen. Raus aus den Nikes und der Jeans, bis ich nur noch in Shorts im mit Zeichnungen tapezierten Tätowierraum stehe. Tiraf ist mit mir auf der Suche nach einer freien Stelle auf meinem Körper, auf der er seine Arbeit platzieren kann. Er will nichts verbauen. Nach genauer Betrachtung empfiehlt er zwei Areale: Die Knieinnenseite und das Genick. Ich entscheide mich für Letzteres. Motiv: Chrysantheme.

Tattoo von Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Kung Fu Krake. Tirafs Arbeiten gestalten sich nur technisch einwandfrei, sondern sind auch manchmal sauwitzig.

Um seine Philosophie des Platz-sinnvoll-nutzens zu verdeutlichen, zieht Tiraf selbst etwas blank. Mit viel Gestik und weit geöffneten Augen zeigt er Anhand seiner eigenen Tattoo-Historie, wo und wie hier und da Stellen auf ihm verbaut wurden, was nun zur Folge hat, dass sich verschiedene kleinere Motive aneinanderreihen, wo eigentlich Platz für Flächendeckenderes gewesen wäre. Heute sieht Tiraf Tätowierungen ganzheitlich. Motive sticht er nur dort, wo sie nicht blockieren.

Kein Papierkram

Ihren Weg auf Papier finden seine Designs aber oft nicht. Mit drei Filzstiften zeichnet der Franzose sie direkt auf unsere Haut. Nach einer halben Stunde sitzt die Chrysantheme exakt da, wo sie sein soll und fließt optimal mit dem Körper. Maßarbeit.

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Tiraf zeichnet das Motiv oft erst im Studio auf die Haut, anstatt eine Zeichnung vorzubereiten. So kannst du dir, wie ich, spontan Stelle und Thema aussuchen.

Bei Tattootimes-Grafikerin Clarri findet Tiraf einen freien Spot auf der linken Wade. Direkt zwischen Arbeiten von Laura Yahna und Dan Sinnes. In Zukunft wird sich dort eine Schlange samt Hoju auf dem Kopf um eine rote Päonie winden. Um sie aufzuzeichnen, geht er auf alle Viere, während die Kundin mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Das Ding muss perfekt sitzen.

Tattoo von Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Mit vollem Körpereinsatz. Tiraf nimmt Maß an Clarris Bein.
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Nach dreieinhalb Stunden sitzt die Schlange mit Hoju (asiatischer Glücksbringer Anm. d.Verf.) auf dem Kopf perfekt zwischen weiteren Tattoos.

The day I quit

So mussten wir uns im Vorfeld keine Gedanken machen, welches Motiv wir möchten. Tiraf ist jederzeit in der Lage, einen Spot ausfindig zu machen, auf den er das gewünschte Motiv spontan aufzeichnet und dann sticht. So werden Tätowierungen aus dem Moment heraus geboren. »Früher hatte ich Angst vor freien Stellen. So wie der Künstler die Angst vor dem leeren Blatt Papier hat. Mittlerweile habe ich aber das Potential dieser Gap Filler erkannt und freue mich auf diese Herausforderungen. Aber der Tag, an dem ich mit meinen Designs zufrieden bin, ist der Tag, an dem ich aufhöre.«

Tattoo von Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Herbstliche Begegnung zwischen Fu Dog und Tiger.

Mit Blick auf Piranhas

Die Energie, die er versprüht, ist beachtlich. Er macht Vorschläge, erklärt seine Art zu arbeiten, zeichnet und entertaint seine Gäste – ganz natürlich. So vergeht der Vormittag. Die Designs sind aufgezeichnet, wir haben seinen Hund kennen gelernt, der im Nebenzimmer geduldig wartet. Wir wurden durch das Knock on wood geführt, haben den W-Lan-Schlüssel bekommen und Tiraf stellte uns weiteren, vom Manga beeinflussten, Künstlern innerhalb des alten Gebäudes vor.

Es ist Zeit, Kraft für unsere anstehenden Tattoo-Sessions zu tanken. Darum verlassen wir die Künstlerkommune, um gegenüber beim bodenständigen Chinesen zu essen. Tiraf geht zielstrebig voraus. Dort angekommen, bestellt er sich Nudelsuppe mit Fleisch und Gemüse sowie einen Espresso. Wir ordern Nudeln mit Gemüse und trinken Eistee. Von unserem Tisch aus haben wir einen guten Blick auf das Piranha-Aquarium. Die Zeit ist in diesem Laden stehen geblieben. Die vielen Gäste wissen das zu schätzen.

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Hase und Hoju chillen im Gras.

Rap wie er früher war

Das Essen kommt. Wir sprechen über Musik. Tiraf wuchs mit französischem Rap von NTM (Nik ta mére, übersetzt:. Fick deine Mutter, Anm. d.Verf.) auf, deren Konzert er vor kurzem noch besuchte. Die Platinrapper stellten ab Mitte der 1990er französischen Rap auf den Kopf und haben auch das Deutsche Label Aggro Berlin um die Jahrtausendwende inspiriert. Aber: »Den Rap von heute verstehe ich nicht mehr und ich mag ihn auch nicht. Was soll dieser Autotune-Scheiß?«

Auf dem Weg zurück zum Studio mache ich ein paar Schnappschüsse von ihm. Ich muss mich beeilen, Tiraf ist schnell unterwegs.

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Immer auf Zack. Tiraf sprüht vor Energie und Ideen. Hier auf den Straßen von Mulhouse.

Auch nur Menschen

Wir legen los. Tiraf lässt ein bisschen Boom-Bap-Rap aus den Boxen tönen. Ich hocke auf der Liege, meine Füße auf einen umgedrehte Plastikbox gestellt. Den Kopf nach vorne gebeugt. Tiraf seitlich hinter mir. Er zieht die Outlines, dann die Shadings mit einer Rotary. Die Farbwahl überlasse ich ihm. Nach zweieinhalb Stunden inklusive Pausen, sind wir fertig.

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Tut weh so ein Nackenklatscher. Aber lohnt sich.

Es wäre auch schneller gegangen, denn Tiraf ackert problemlos durch. Allerdings hatte ich mir einige kurze Breaks gegönnt. Tiraf hat Verständnis. »Wir sind alle nur Menschen.« Im Laufe des Tages betont er das des öfteren. Mir nimmt das den Druck. Fortan trage ich eine Chrysantheme im Nacken, die reichlich Schwung hat und glasklar wirkt. Mission complete.

Moment of truth

»Früher hatten meine Arbeiten viele Details, die aber nach zwei bis drei Jahren wieder verschwunden sind. Eines Tages war ich in meinem Garten. Dort sah ich einen Vogel circa 2,5 Meter entfernt von mir. Ich sah ihn an und da wurde mir schlagartig bewusst, dass man all die Details eines Federkleids aus dieser Entfernung gar nicht sieht.

Tattoo von Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Fuchsmaske. Maximal minimal.

Vo da an vereinfachte ich meine Designs. Heute ist es mir wichtig, dass das Tattoo vor allem superclean ist. Das muss als erstes auffallen. Die Herausforderung bei einem einfachen Design ist, dass sie keine Fehler verzeihen. Man würde sie im Vergleich zu detaillierten Arbeiten sofort sehen.«

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Es spendet Kraft, wenn du so einen Tiger hinter dir hast.

Changes

Die Sonne verabschiedet sich langsam. Tiraf bearbeitet immer noch Clarris Wade. Doch wir müssen raus fürs Foto-Shooting. Dann endlich sind sie fertig. Zum ersten Mal merkt man, dass auch er ein Mensch mit begrenzter Energie ist. Nach fast elf Stunden Arbeit, ist er müde, aber macht sich nochmal bereit für die Kamera.

Auf dem Hof des Geländes lasse ich ihn auf einem Stuhl Platz nehmen. Vor ihm drapiere ich einen Porzellantiger aus einem der Studio-Regale. Wir stellen den Moment nach, als er vor Jahren den Vogel in seinem Garten betrachtete und im klar wurde, dass Details nicht wichtig sind und vielleicht sogar hinderlich für eine klare Tätowierung sein können. Es war der Tag, an dem sich sein Stil grundlegend änderte.

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Solch schlichte Designs verzeihen keine Fehler, sagt Tiraf.

Das Leben ist schön

Es ist 21.30 Uhr als wir uns verabschieden. Erst jetzt verrät er, dass er bereits den ganzen Tag Zahnschmerzen hat, gegen die auch diverse Mittelchen nichts halfen. »Aber das ist nicht so schlimm. Das Leben ist schön«. Kurz schüttelt er sich, dann hat ihn der Frohsinn wieder.

Nach Shake Hands und Hugs wünschen wir ihm gute Besserung und bedanken uns für diese Erfahrung. Danach machen wir uns auf den Heimweg. Zwei Stunden Autofahrt durch die Nacht liegen vor uns. Eine gute Zeitspanne, um diesen prall gefüllten Tag zu verarbeiten und die frischen Tattoos ruhen zu lassen. Adieu Tiraf de Mulhouse. Wir kommen wieder. Klopf auf Holz.

Tattoo von Raphael Tiraf auf www.tattootimes.de
Plakative Päonie. Ein echter Evergreen.

Terminvereinbarung:

Raphael Tiraf
Knock on wood, Privat-Studio
Mulhouse, Frankreich
freshinktattoos@gmail.com

Text und Fotos von Tiraf: Jan Burger
Tattoo-Fotos und Videos: Tiraf

13. Juli 2019