Tattoo Artists

The Big Cock – Tätowierer Clemens Hahn // Interview

Zugegeben: Die Überschrift ist reißerisch, aber Clemens Hahns (Hahn = Cock in engl.) Output zählt zum Standhaftesten, das Tattoohausen zu bieten hat.

 

 

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

Black Backhanders. Klar und eindriglich.

Aufgewachsen in Karlsruhe immatrikuliert Clemens Hahn nach seinem Abi an der Uni, um dort aber nie zu erscheinen. Stattdessen wird er auf direktem Wege Tätowierer, arbeitet ein Jahr ohne eigenen Wohnsitz und lebt währenddessen auf den Couchen und in den Studios seiner Kumpels. Von dort aus tätowiert er sich über Karlsruhe nach Saarbrücken in die Welt hinaus und hat inzwischen auf fast jedem Kontinent seine Pigmente hinterlassen. Mittlerweile braucht aber auch er ein Zuhause.

 

Clemens hat auf fast jedem Kontinent seine Pigmente hinterlassen

 

Gefunden hat er dies in der Mannheimer Quadratestadt, wo er zusammen mit Erkan Keser 2011 Electric Circus Tattooing eröffnete und dessen Manege mittlerweile die Tätowierer Nick Knatterton, Dennis Böttle und Max Laloi beigetreten sind. Der 28-Jährige gibt sich glücklich und bescheiden, die Ansprüche nach Perfektion nur an sich selbst stellend. Aufgrund seiner immensen Erfahrung, die er auch unter den Fittichen einiger überstaatlicher Großkaliber sammelte, spielt Clemens schon jetzt eine formidable Rolle in Deutschlands Tätowierer-Gefilden. Seine ausnehmend standhaften Traditionals und eine Einladung zur unumstrittenen Brighton-Convention intensivieren derweil diesen Eindruck.

 

Papageientaucher mit Teigfüllung stehen in Island traditionell auf der Speisekarte.

Papageientaucher mit Teigfüllung stehen in Island traditionell auf der Speisekarte.

 

»The Big Cock« gibt sich glücklich und bescheiden

 

Wie hast du das Jahr erlebt während du keinen Wohnsitz hattest?


Es war eine Zeit lang voll gut. Irgendwann wird es dann aber übelst anstrengend, weil du keinen Ort hast, an den du dich mal zurückziehen kannst. Du bist ja immer nur Gast überall.

 

Wo hat es dich dann überall hinverschlagen?

Einen Monat war ich in New York und San Francisco. Dann in der Schweiz, Österreich und Portugal. Später in Argentinien und Kolumbien. Auch Toronto war damals super, die Northern Ink Xposure. Letztes Jahr war ich auf einer Convention in der Bergstadt Manizales in Kolumbien. Die fand in einem Wohnhaus statt und ging eine ganze Woche lang. Alles saßen auf Klappstühlen und zu dritt in einem Zimmer. Also alles total basic, aber die Tätowierer waren sehr gut.

 

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

Messer am Arsch.

 

»Letztes Jahr war ich auf einer Convention in einer Bergstadt  Kolumbiens«

 

Eine Woche ist ziemlich lang. Wie lief das ab?

Das war eine Art Künstlertreffen. Da fanden Konzerte, Partys und einfach alles Mögliche statt. Da war sehr viel los. Im Jahr zuvor waren zum Beispiel die Tätowierer von Smith Street da. Die Veranstalter laden immer viel internationale Leute ein, weil die Stadt da was für Hotel und Reisekosten der aus dem Ausland kommenden Tätowierer springen lässt. Es ist eine unbekannte, aber qualitativ hochwertige Messe. Die haben dort auch den selben Hygiene-Standard wie wir hier. Auch wenn dort alles ein bisschen reudiger aussieht, die wichtigen Sachen stimmen dort. Die ganze Szenen ist dort generell sehr weit entwickelt. Es gibt dort brutal viel gute Leute.

 

»Die Szene ist dort generell sehr weit entwickelt«

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

Clemens erlebt viel Hype um seine Person dieser Tage, aber bleibt fokussiert.

 

Inwiefern haben dich diese Reisen als Tätowierer weitergebracht?

Besonders in den USA hab ich viel über Farben gelernt, Nadeln selbst gemacht und beim Tattoo-Maschinenbau zugesehen. Ich bin bis heute in regelmäßigem Kontakt und Austausch mit den Leuten, die ich auf meinen Reisen getroffen habe. Die kommen auch heute noch zu uns nach Mannheim. Wir freuen uns auch über jede neue Guest-Spot-Anfrage und über jeden, der uns mal im Studio besuchen will. Schreibt uns einfach oder ruft an!

 

Term It Up! Clemens über:
Argentinisches Rinderfilet: »Ziemlich geil. Hab ich in Argentinien exzessiv gegessen.«
Bier und Kippen: »Auch ziemlich geil.

Hahnenkralle: »Wird zu oft tätowiert zur Zeit.«
Gesichtstattoos: »Überbewertet.«
Netflix: »X-hamster.« (lautes Lachen)
Winter: »Dahin fahrn, wo kein Winter ist.«

 

Bei all deinem Globe Trotting, wie fühlt sich da Mannheim im Vergleich zum Rest der Welt an?

Ich find’s voll geil und mag’s echt gern. Ich bin jedes Mal froh wieder hierher zurück zu kommen. Ist alles so bodenständig und dreckig hier. Man muss sich nicht verstellen und bleibt weitestgehend von unangenehmen Leuten verschont. Meine Kunden sind alle easy und man kann mit allen reden. Es gab bis heute nie wirklich Probleme. Außerdem haben wir einen sehr guten Standort mit großem Einzugsgebiet aus Stuttgart, Frankfurt, Heidelberg und so weiter.

 

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

»Tell me your Story«, fordert das Traditional.

»Ist alles so bodenständig und dreckig hier«

 

Du hast im TätowierMagazin in der Rubrik »Nachgestochen« Tattoos bewertet. Ist dir das schwer gefallen?


Schon. Es war schwierig, denn ich wollte niemandem auf die Füße treten, wollte aber auch ehrlich sein. Außerdem ist ein Tattoo auch immer Geschmacksache, von daher habe ich versucht auf technischer Ebene zu bewerten.

 

Gab es nach der Veröffentlichung Beschwerden über deine Meinungen?


Ne. Witzigerweise hab ich hinterher gesehen, dass ich viele von denen kenne, die ich da besprochen hab. Bei Pino Cafaro kam ich mir ein bisschen blöd vor, dass ich zu einem Tätowierer seines Kalibers meine Meinung gesagt habe. Aber andererseits darf ja jeder seine Meinung auch sagen.

 

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

Wer hier nix findet, selber schuld.

»Jeder darf seine Meinung sagen«

 

Nutzt es dir als Tätowierer die Meinung eines anderen Tätowierers über ein Tattoo zu kennen?


Geht so. Ich profitiere eher davon, wenn mir ein Tätowierer, mit dem ich zusammen arbeite, sagt was ich hier und da noch verbessern könnte. Hier im Studio fragen wir untereinander sehr viel nach der Meinung des anderen. Ständig frage ich meine vier Kollegen ob die oder die Farbe, ob das dazu machen oder weglassen. Ich will das immer wissen und entscheide dann nochmal. Das ist nie verkehrt.

 

Wie kritikfähig ist denn die deutsche Tattoo-Szene?

Ich hab das Gefühl, dass es mit Kritik in Deutschland manchmal ein bisschen schwierig ist und die Leute sich arg schnell angepisst fühlen, wenn man mal was sagt. Ich bin eher froh, wenn mir jemand sagt, dass das so und so eigentlich scheiße aussieht und mir dann Verbesserungsvorschläge macht. Es hat ja auch keinen Wert, wenn dir jeder immer nur sagt, wie geil das ist was du machst. Bringt dir ja ungefähr überhaupt nix. Manchmal glaube ich, dass einige es aber als Beleidigung auffassen, wenn man sagt was einem an einer Arbeit nicht so gefällt. Ich hab manchmal das Gefühl, dass in andern Ländern mehr Wert auf Austausch gelegt wird. Das pusht ungemein und bringt mich mehr voran als alles andere.

 

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

Die ägyptische Göttin der Geburt und Magie: Isis.

»Ich hab das Gefühl, dass es mit Kritik in Deutschland manchmal ein bisschen schwierig ist«

 

In »Nachgestochen« findet dieser Austausch öffentlich statt. Siehst du darin auch gewisse Vorteile?


Ob es den Tätowierern was bringt, weiß ich nicht. Aber für die Leute allgemein ist das natürlich sehr informativ und nicht verkehrt.

 

Heutzutage gibt es mehr Tätowierer als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Wie versuchst du in dieser Masse auf dich aufmerksam zu machen?

Ich mal einfach soviel wie möglich und versuche dadurch immer besser zu werden. Ansonsten lebe ich von Mund-zu-mund-Propaganda und Weiterempfehlungen. Instagram nützt mir auf Reisen. Ich poste dann zum Beispiel, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort tätowiere und bekomme so manchmal Terminanfragen. So kommen manche Leute zum Beispiel auf eine Convention, weil sie gelesen haben, dass ich da tätowiere. Das ist sehr effektiv. Es hilft aber auch kein Künstlerarschloch und nett zu den Leuten zu sein.

 

Term It Up! Clemens über:

CDU: »Ooch, echt?«
Tattoo-Models: »Kenn ich nicht.«
Haftbefehl (Rapper): »Kann schon witzig sein. Läuft manchmal im Laden.«
Instagram: »Nützlich zum Reisen.«
Snapbacks: »Die sind praktisch, da muss man seine Hutgröße nicht kennen.«

 

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

All Black Everything. Clemens lässt Farben auch mal einfach weg.

»Es hilft, nett zu sein«

 

Wer hat dir denn diese bodenständige Arbeitsphilosophie vermittelt?


Man zieht sich von jedem, mit dem man zusammen arbeitet ein bisschen was und entwickelt so seine eigene Philosophie. Negativität ist einfach immer blöd. Ich versuche einfach immer net zu sein, denn am Ende kann ich davon leben, dass die Kunden ihre Tattoos bezahlen. Also konzentrier ich mich aufs Wesentliche: Viel malen, viel lernen, viel rumkommen. Und am Wichtigsten: mit netten Leuten arbeiten.

 

Wie wichtig ist es dir dass ein Tattoo eine gewisse Substanz hat?


Die Leute sollen sich schon bewusst machen, dass sie jetzt ein Tattoo bekommen, und sie sollten es auch zu schätzen wissen. Manchmal ärgert es mich ein bisschen, wenn ich mich für ein Tattoo voll reinhänge und der Kunde schaut es sich noch nicht mal im Spiegel an. Das hat dann was Discounter-mäßiges. Aber ein Tattoo ist was Besonderes, über das man sich freuen sollte.

 

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

Masse mit Klasse. Clemens arbeitet gerne jedes gewünschte Detail mit ein.

»Ein Tattoo ist was Besonderes«

 

Hat dir denn schonmal jemand gesagt, dass ihm das Tattoo nicht gefällt, das du ihm gerade gestochen hast?


Ich hab schon Kandidaten getroffen, die sich echt gute Tattoos haben weglasern oder von andern Tätowierern überstechen haben lassen. Leute, die nie mit irgendwas zufrieden sind. Aber ich glaub, das ist eher so ‘ne Macke. Mir persönlich hat bis jetzt noch niemand gesagt, dass ihm sein Tattoo von mir nicht gefällt.

 

Es gelingt dir auch sehr viele Elemente in ein Tattoo einzubauen. Zum Beispiel hast du in einem relativ kleinen Tattoo auf dem Schienbein einen Stier, Zitronen, ein Herz, einen Krebs, einen Sonnenuntergang und einen Leuchtturm untergebracht, und dennoch ist es ein sehr klares Motiv geworden. Wie tüftelst du solche komplexen Arbeiten mit deinen Kunden aus?


Manchmal muss ich einfach etwas länger überlegen oder recherchieren. Aber man findet meistens einen guten Kompromiss mit den Kunden, auch wenn es im ersten Moment vielleicht nach etwas viel Input aussieht, das Meiste ist machbar. Das ist eigentlich auch das Coole daran, wenn Kunden mit vielen Ideen kommen und du ihnen ein Motiv vorlegst, das diese Ideen vereint hat, anstatt die einzelnen Elemente im Patchwork nebeneinander zu setzen.

 

Tattoo von Clemens Hahn, tattootimes.de

Flankiert von Tod und Glaube.

»Das Meiste ist machbar«

 

Ist es deine Absicht Erwartungen zu übertreffen?


Auf jeden Fall. Ich nehm mir für jeden Kunden sehr viel Zeit, mache mir viele Gedanken und recherchiere damit auch alles seine Richtigkeit hat und die Leute zufrieden sind. Schließlich zahlt man auch echt viel Geld für ein Tattoo und das soll auch gerechtfertigt werden. Ich will den Leuten das mir bestmögliche Tattoo machen. Diesen Anspruch hab ich an mich.

Hier findet ihr einen Podcast, worin Clemens erklärt, wie man Tätowierer wird.

 

 

Terminvereinbarung:

Clemens Hahn


Electric Circus Tattooing

T3, 22

68161 Mannheim

Electric Circus Tattoo Mannheim, tattootimes.de

Electric Circus zählt zu den besten Adressen Mannheims.

 

Porträts von Clemens Hahn und Studio: Andreas Bradt

Tattoo-Fotos: Clemens Hahn

 

30. Dezember 2016