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»Deutschland ist das Paradies« – Tätowiererin Daniela Degtiar // Interview

Die jüdische Israelin Daniela Degtiar über ihren Weg raus dem Krieg, rein ins Tattoo-Geschäft.

 

Wanna-Do-Sheet: diese Motive hat Daniela gezeichnet, um sie euch in die Haut zu stechen.

Wanna-Do-Sheet: diese Motive hat Daniela gezeichnet, um sie euch in die Haut zu stechen.

Daniela stammt aus einer kleinen Stadt nähe Tel Aviv, deren Einwohner vom Nahostkonflikt und dem Krieg zwischen Juden und Palästinensern täglich einschneidend geprägt werden. Ein Zustand, dem sich Daniela nicht länger aussetzen kann. Sie ist 21 als sie ein One-Way-Ticket aus Israel nach Deutschland bucht. Durch Spielfilme verliebt sie sich in Berlin. Dort soll die Reise hingehen, finanziert durch harte Arbeit in den rudimentären Tattoo-Studios Tel Avivs. Ein kleines Protfolio im Gepäck, stellt sie sich beim Berliner Classic Tattoo vor und hat Erfolg. Bis dahin kannte sie nichts als den Kriegszustand. So stellt die jetzige Hamburgerin heute für sich fest: »Deutschland ist das Paradies.« Die 32-Jährige spricht Hebräisch, Spanisch, Englisch und fließend Deutsch. Auch Daniela Degtiar wird dazu erzogen, stolz auf ihr Land zu sein, doch erkennt, dass dieser Stolz zu nichts Gutem führt. Ein Interview über das Tätowieren hinaus.

Klassiker wie Schwalben verpackt Daniela in komplett individuelle Gewänder.

Klassiker wie Schwalben verpackt Daniela in komplett individuelle Gewänder.

 

 

Warum wolltest du als in Israel geborene Jüdin ausgerechnet nach Berlin auswandern?
Berlin war und ist einfach the place to be für eine Künstlerin. In Israel sind die politische Lage sowie die Mentalität einfach nicht gut. Das Leben dort ist schwierig, kompliziert und teuer. Die Tattoo-Szene ist da auch nicht so doll. Dort gibt es keine Szene wie in Deutschland. Hier wirst du 18 und bekommst Geld von deinen Eltern, um dir ein Tattoo stechen zu lassen. Hier ist man offen für alles und sucht sogar nach neuen verrückten Sachen. In Israel gibt es nur Fashion Victims. Die wollen nur kleine Tattoos, die ihre Freunde auch schon haben. Die Kultur ist dort nicht vorhanden. Meine Freunde sind immer nach Wacken und zum Full Force gereist und mit tollen Geschichten nach Hause gekommen. Ich hab dann angefangen deutsche Filme zu schauen und mich dabei in Berlin verliebt.

 

Daniela Degtiar ist 21 als sie ein One-Way-Ticket nach Deutschland bucht

 

Welche Rolle hat die jüdisch-deutsche Geschichte bei deinen Überlegungen nach Berlin zu ziehen gespielt?
Gar keine. Für meine Generation ist die Geschichte heutzutage kein Grund mehr nicht nach Deutschland zu kommen. Die Tatsache, dass ich Israeli bin, brachte mir sogar einige Vorteile bei der Einreise. Damals durfte ich solange im Land bleiben, bis ich eine Antwort zu meiner Aufenthaltserlaubnis bekommen habe. So konnte ich weiter Arbeiten und mir ein kleines Leben aufbauen.

Schädel mit zerschmettertem Gebiss.

Schädel mit zerschmettertem Gebiss.

 

Wie war denn das Leben in Israel für dich?
Das Leben dort ist verrückter als ihr euch das vorstellen könnt. Ich wollte nur noch weg. Dort herrschen Krieg und Hass. Du hast immer Angst um dein Leben. Wir wurden erzogen, stolz auf unser Land zu sein. Aber wir wissen ja, wie böse der Stolz sein kann. Ich wurde dort geboren, und nichtmal ich verstehe noch, worum es im Krieg zwischen Israelis und Palästinensern eigentlich noch geht. Jeder den ich kenne, hat Freunde und Familie in diesem Krieg verloren. Ich auch. Zwei meiner Cousinen starben bei Anschlägen. Zudem musst du mit 18 zur Armee. Frauen für zwei, Männer für drei Jahre. Ich hatte Glück, denn als Frau kann man den Kriegsdienst leichter verweigern. Auch meine Schwester war ein hochrangiges Mitglied des Militärs. In mir hat sich alles gesträubt, dorthin zu gehen.

 

»In Israel gibt es keine Szene wie in Deutschland«

 

Wie fühlt sich dagegen Deutschland für dich an?
Deutschland ist das Paradies. Man hat Zeit, Geld und interessiert sich für die Kunst. Hier hast du ein Leben. Du kannst sogar von deinen verrücktesten Leidenschaften leben. Von Anfang an hat man es mir hier sehr leicht gemacht und Classic Tattoo war die ersten vier Jahre wie eine große Familie für mich, mit denen ich auch heute noch in Kontakt bin. Sie haben mir auch sehr viel mit dem Visum und meiner Arbeitserlaubnis geholfen. Ich hatte dort plötzlich soviel Kundschaft. Alles war perfekt.

Die farbigen Pattern nehmen den Schwung des schwarzen Hauptmotivs mit auf.

Die farbigen Pattern nehmen den Schwung des schwarzen Hauptmotivs mit auf.

Bist du auch jüdisch religiös erzogen worden?
Nein. Wir haben zuhause sogar auch Schwein gegessen. Trotz allem ist Israel ein demokratisches und modernes Land, nicht wie man es aus dem Fernsehen kennt.

 

»Wir wissen ja, wie böse Stolz sein kann«

 

Wie kamst du unter all diesen Umständen dann zum Tätowieren?
Es gab da einen sehr schlechten Tattoo-Shop, bei dem ich nach der Schule immer rumhing, so mit 15 Jahren. Ich zeichnete und bettelte den Tätowierer jeden Tag an, mir das Tätowieren beizubringen. Eines Tages hat er dann nachgegeben und mit der Erlaubnis meiner Mom hat er mir dann was beigebracht. Meine Freunde habe ich damals auch angefangen zu tätowieren. Mit 18 habe ich mir eine Micky-Sharpz-Maschine von einem mobilen Supplier gekauft, der immer am Shop vorbeifuhr. Das war damals teuer. So circa 1800 Shekels (Shekel ist die israelische Währung. Anm. d. Verf.), also um die 400 Euro. Mit 20 bin ich dann in ein Studio in Tel Aviv. Wir haben viel gearbeitet für sehr wenig Geld. Aber ich wollte einfach ein kleines Portfolio und raus aus Israel.

 

Viel Schwarz macht solche komplexen Tätowierungen lange haltbar.

Viel Schwarz macht solche komplexen Tätowierungen lange haltbar.

Wie hat sich dein Stil zu dem entwickelt, der er heute ist?
Ich habe einfach immer alles tausendfach ausprobiert. Eines Tages kam ein sehr netter Typ ins Studio und wollte einen Engel. Und ich dachte mir: »Oh man, nicht schon wieder.« Da hab ich zu mir gesagt:»Nein, ich hab jetzt keine Lust mehr darauf.« Stattdessen habe ich so einen verrückten Engel mit gebrochenen Linien gezeichnet. Ich hab mich einfach ausgetobt. Aber ich will meinem Stil keinen Namen geben, sonst bin ich darauf festgelegt. Ich will mich einfach nur ausdrücken. Ich sehe einen Körper und will das Tattoo dann so oder so machen. Ich haben dann diese Eingebungen. Es geht hier viel um Emotionen. Ich habe bestimmt fünf Koi die Woche in Berlin gestochen. Aber ich will mich einfach nicht langweilen und will sehen, wie weit ich gehen kann.

 

»Wir haben viel gearbeitet für sehr wenig Geld«

 

Was hat es mit dem Studio Namen Black Pepper auf sich?
Ich war am Zeichnen und malte ein Bild mit vielen schwarzen Punkten. Ein Kunde fragte mich, was diese Punkte darstellen. Und ich sagte: »Gewürz.« Ein bisschen Gewürz, um den Geschmack zu verfeinern.

Statt realistisch, stellt Daniela das Muster des Fuchsfells lieber mit einer Schraffur dar.

Statt realistisch, stellt Daniela das Muster des Fuchsfells lieber mit einer Schraffur dar.

Was inspiriert dich?
Wenn du genau hinschaust, dann kann dich alles inspirieren.

 

»Ich will meinem Stil keinen Namen geben, sonst bin ich darauf festgelegt«

 

Wie bekommt man einen Termin bei dir?
Ich bin da etwas pingelig. Denn ich will jeden Tag meinen Kalender öffnen und mich auf die Sachen freuen, die da drin stehen. Deswegen sortiere ich vorab etwas aus und kann leider nicht jedes Tattoo stechen. Denn es gibt Leute, die denken, dass ich ihren Wunsch nach einem Drachen-Tattoo gerecht werden könnte. Kann ich aber leider nicht. Ich vergebe Termine nur drei Monate im Voraus. Würde ich das auf sechs Monate strecken, ändert sich in dieser Zeit vielleicht mein Style, womit ich manchen enttäuschen würde. Ich habe zehn Jahre lang das tätowiert, was sich der Kunde gewünscht hat. Jetzt steche ich, was ich will.

 

Ausdruck und Emotion spielen für Daniela eine Hauptrolle.

Ausdruck und Emotion spielen für Daniela eine Hauptrolle.

Wie fühlt sich diese Freiheit an?
Es ist das Beste für alle.

Was war der Auslöser zu sagen: »Jetzt nur noch was ich will«?
Ich hatte einfach keinen Bock mehr. Ich steche immer noch die gleichen Motive, aber eben in meinem Style. Ich habe meinen Laden erst seit anderthalb Jahren, aber meine Kunden kommen sechs Stunden aus Bayern oder Heidelberg, nur für ein Tattoo von mir. Ich bin jeden Tag so dankbar dafür. Sogar aus Großbritannien habe ich Kunden. Das ist das schöne an Europa: die Leute können sich Kunst leisten. In Israel gibt es keinerlei Kunst, weil einfach kein Geld dafür da ist. Deutschland ist ein Schatz, hier kannst du dich entwickeln.

 

»Ich bin jeden Tag so dankbar«

 

Du arbeitest in vielen bekannten Studios, deren Tätowierer ebenfalls recht bekannt sind. Wie kommt es, dass dein Name dabei nicht so oft fällt?
Ich habe einfach nie geglaubt, dass ich etwas Besonderes machen würde. Aber wenn du anfängst, an dich zu glauben, dann sehen die Menschen das plötzlich. Ich habe früher einfach alles gemacht, aber seit ich meinen eigenen Laden habe, weiß ich, ich mache etwas Besonderes für die Leute, die zu mir kommen. Etwas, was die Leute auch wirklich wollen.

 

Eine weite Reise und harte Arbeit haben Daniela dahin gebracht, wo sie jetzt ist.

Eine weite Reise und harte Arbeit haben Daniela Degtiar dahin gebracht, wo sie jetzt ist.

Terminvereinbarung:

Daniela Degtiar
Black Pepper Tattoo Atelier Hamburg
www.facebook.com/danieladegtiar2
www.instagram.com/danieladegtiar/
blackpepperhamburg@gmail.com

Fotos: Daniela Degtiar

28. August 2016