Tattoo Artists

Schlaflos um die Welt – Tätowierer David Cote // Interview

Gerade mal 24 Jahre, jettet der Kanadier David Cote um den Globus. Seine Mission: Menschen mit seinen Tattoos glücklich zu machen. Zeit zu schlafen bleibt da kaum. Ab 2017 tätowiert er auch wieder in Deutschland.

 

Dr. Dre von David Cote

David Cote verabreicht Dr. Dre ein paar Substanzen in Pillenform.

Während ich in Kontakt mit David Cote stehe, hält er sich abwechselnd in Amsterdam, St. Petersburg, Moskau und Budapest auf. Sein Grafik-Studium hat er bereits hingeschmissen, um Tattoos zu hacken. Heute ist der 24-jährige Kanadier aus Montreal gerade dabei die Welt zu entdecken und gleichermaßen zu conquern. Weswegen die Masse seine charmanten, auf den Regeln des Grafikdesign basierenden, Tattoos so abfeiert, kann er sich selbst nicht erklären. Fest steht, sie tut es. 174.000 Menschen verfolgen seinen Ouput auf Instagram. Allein 700 Tattoos hat er dort innerhalb der letzten zwei Jahre hochgeladen.

 

Fear and Loathing von David Cote

»Ich wusste, dass wir uns bald an dem Zeug vergreifen würden.«
Johnny Depp in seiner Rolle als Hardcore-Konsument Hunter S. Thompson.

Weswegen die Masse seine Tattoos so abfeiert, weiß David Cote selbst nicht so genau

 

Auf Conventions sticht er bis zu sieben davon am Tag. Spitzenwerte eines emsigen Handwerkers, der den Kontakt zum Boden aber nie verloren hat, der die Geschichte seiner Zunft kennt und respektiert. Bevor er durch glückliche Umstände zu dem werden konnte, brachten ihn zwei begabte Künstlerinnen in die Spur: Seine Mutter und seine Schwester. Mit vier Jahren war er bereits mitgerissen von deren schöpferischer Kraft und hatte seitdem nie wieder aufgehört zu zeichnen. Hier begann das große Nacheifern, das ihn bis heute in allem erfasst hat was er tut. Vom Reisen, über das Malen und Tätowieren bis hin zum Mugge machen. Zum Schlafen bleibt da keine Zeit. Aber für David gibt es auch nicht Langweiligeres.

Wie und wo bist du aufgewachsen?
Auf dem Land, umgeben von Wäldern und Wiesen. In einem kleinen Haus, vielleicht eine Stunde von Montreal entfernt. Es gab nicht viel was man tun konnte. Mein Bruder und ich spielten den ganzen Tag draußen und lernten wie man nützliche Dinge mit den eigenen Händen macht. Wir bauten Sachen, machten Musik, zeichneten, malten, versuchten Dinge zu erfinden. Ich hatte sehr viel Glück in so einer Umgebung aufzuwachsen, die mich heute zu dem gemacht hat, der ich bin.

Tattoo von David Cote

Stimmen im Kopf.

Welche Dinge habt ihr gebaut?
Skateboard-Rampen. Und wenn wir im Winter Rad fahren wollten, haben wir Ski an das Fahrrad montiert. Die streunenden Katzen um unser Haus haben im Winter gefroren, also haben wir ihnen ein kleines Obdach mit einer Wärmelampe innen gebaut. Wir hatten viel Zeit und nutzten sie zu unserem Vorteil.

 

»Wir hatten viel Zeit und nutzten sie zu unserem Vorteil«

 

Wie war das mit dem Internet bei euch, hattet ihr das überhaupt?
Das Internet hat meine Auffassung von vielen Dingen verändert. Wir hatten früher dieses 2000er Internet mit dieser Anrufverbindung, die die Telefonverbindung trennt, sobald du online gehst. Das hatten wir bis ins Jahr 2001, dem Jahr als ich aus dem Haus meiner Mutter auszog. Es war unmöglich sich ein Video anzuschauen oder runterzuladen, so langsam war die Verbindung. Als ich nach Montreal zog, fand ich heraus was High-Speed-Internet wirklich bedeutet. (lacht)

Rucksack von David Cote

Keine Reise ohne Rucksack. Lifestyle-Hommage.

Wie wurdest du dann letztendlich Tätowierer?
Ich habe 2011 damit angefangen. Ich war immer von Tattoo-Kunst beeinflusst. Ich war fasziniert von den alten Tätowierungen meines Onkels. Tätowieren war für mich ein Hobby, von dem ich niemals gedacht hätte, damit mein Leben finanzieren zu können. Ich hätte nie gedacht, dass ich es damit soweit bringe. Das alles ist ein wunderbares Abenteuer für mich.

Hattest du während dieser Zeit andere Mentoren, die dich in Sachen Kunst und Tattoos geleitet haben?
Ich habe alles was ich weiß von meinem großartigen Freund und talentierten Tätowierer Alban Bachand gelernt. Er erklärte mir, wie wichtig es ist bescheiden zu bleiben, hart zu arbeiten und Respekt für das Handwerk zu zeigen.

 

Term It Up! David über:
Louis Armstrong: »Mack the Knife.«
Reisen: »Die Erde ist groß.«
Den Stanley Cup: »Ich hasse Eis-Hockey.«
Süßigkeiten: »Jeden Tag, den ganzen Tag.«
Katzen: »Ich vermisse meine wirklich.«
Unsterblichkeit: »Durch Kunst.«
Sushi: »Ich hasse Seafood.«

 

 

 

 

 

 

 

In deinen Tattoo-Motiven mischst du die unterschiedlichsten Symbole, Zeichen, Muster, Dinge und Lebewesen miteinander. Woher hast du diese Ideen?
Die Basis von allem was ich tue liegt im Grafik-Design. Ich benutze die üblichen Formen, um ein leicht lesbares Tattoo zu gestalten. Meine größte Inspiration stammt von Grafik-Designern wie Saul Bass und Roman Cieslewicz.

Wolf von David Cote

Den schillernden Wolf umrahmt David mit sattem Schwarz.

 

»Die Basis von allem was ich tue, liegt im Grafik-Design«

 

Der Grafikdesigner Saul Bass hat mal gesagt: »Design ist Gedanken sichtbar zu machen.« Ich sehe da eine Parallele zu deiner Arbeit, denn deine Motive sehen manchmal aus wie abstrakte Gedanken. Wie siehst du das?
Ja, diese Philosophie habe ich immer im Kopf, wenn ich etwas designe. Oft füge ich dem Tattoo eine weitere Bedeutungsebene hinzu, um eine bestimmte Botschaft, ein Gefühl oder eine Stimmung ins Unterbewusstsein zu transportieren.

Twin Peaks von David Cote

Schöne Grüße und eine Tasse Kaffee aus dem Psycho-Städtchen Twin Peaks.

Worin siehst du die Gemeinsamkeiten zwischen Tätowieren und Grafik-Design?
Darin, die Ideen des Kunden zu respektieren und dein ganzes Wissen und Können in deine Arbeit zu stecken, um daraus ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Gibt es Dinge, die du aus deinem Grafik-Studium für das Tätowieren nutzen kannst?
Weniger ist mehr. Viele Kunden versuchen zu viele Ideen in ein Tattoo zu packen. So wird es unordentlich. Ich nenne solche Tattoos Flohmarkt, weil du nicht mehr sagen kannst wo und was und besonders warum etwas überhaupt ist. Die Illustration oder Komposition eines Grafik-Designers ist immer leicht zu verstehen, leicht lesbar und Zucker für die Augen. Das versuche ich in meiner Arbeit umzusetzen.

 

Drake von David Cote

Das Video zum Song Hotline Bling von Drake löste eine gewaltige Gif- und Meme-Welle aus. Und David hielt es in einem den Zeitgeist treffenden Tattoo fest.

Weniger ist mehr, meint David Cote.

 

Du hast dieses unglaubliche Drake-Hotline-Bling-Tattoo gemacht. Wie kam es dazu?
Ich hab es aus Spaß mit einem Freund gezeichnet. Ein anderer meiner Freunde sah das Bild und wollte es sofort tätowiert haben. Also haben wir das gemacht. (lacht)

Auf deinem Instagram-Account findet man über 700 Tattoos aus den letzten zwei Jahren. Woher hast du die Energie soviel zu arbeiten?
Dafür muss ich mich bei meiner Freundin bedanken, die mir immer in den Arsch tritt und mir sagt dass ich produktiv sein soll. Sie ist der beste Life-Coach. (lacht) Zu wissen, dass ich Menschen mit meiner Kunst glücklich mache, hält mich am Leben.

Du bist ein sehr junger und zugleich sehr erfolgreicher Tätowierer. Wie fühlt sich das für dich an?
Ich denke über beides nicht gern nach. Ich mache Tattoos, damit sich andere darüber freuen und mein Alter ist nur eine Zahl. Ich versuche mit meiner Arbeit nicht allzu glücklich zu sein, um nicht in so eine bequeme Komfortzone zu geraten. Denn in dieser Zone denkst du nicht mehr outside the box und bist auch nicht mehr erfinderisch. Ich sehe meine Arbeit wie eine Sigmoidfunktion.

Katzen von David Cote

David Cote besitzt selbst Katzen, die er auf seinen Reisen schmerzlich vermisst.

»Ich mache Tattoos, damit sich andere darüber freuen«

 

Welchen unterschied siehst du zwischen deiner und der älteren Generation von Tätowierern?
Die heutige Generation hat es wirklich einfach. Alles wurde leichter durch die Technologie. Du musst deine Rotaries nicht mehr einstellen oder deine Tubes in den Autoklaven packen, seit alles wegwerfbar ist. Und du musst dir auch nicht mehr deine eigenen Nadeln löten. Meine Generation hat vergessen, dass sich hinter diesem Handwerk eine Geschichte verbirgt, für die Menschen gekämpft haben, damit das Tätowieren heute ist was es ist.

Früher waren Tattoos auch eine Art des Protests. Welche Bedeutung haben Tattoos aus deiner Sicht heute?
Unsere Gesellschaft basiert auf der Pop-Kultur. Mit dem mächtigen Werkzeug Social Media, wurden Tattoos a »hip« thing. Du brauchst heute ein Tattoo, um cool zu sein. Selten sind diejenigen die keins haben. Frühere Generationen hatten ein anderes Konzept im Kopf. Sie wollten außerhalb stehen und zeigen, dass sie schwarze Schafe, Gauner oder taffer als der Durchschnittsbürger sind. Tätowierer haben ein Leben lang dafür gekämpft, aus der Szene heute das zu machen was sie ist – und viele bereuen das jetzt. Ich glaube, dass Evolution weder gut noch schlecht ist. Es ist wie mit allem: Früher oder später musste es so kommen.

Hogwarts von David Cote

Muggel mit Hogwarts-Motiv.

Hast du Pläne auch in Deutschland Halt zu machen?
Natürlich! Ich habe mich in Deutschland von dem Moment an verliebt, als ich das erste Mal nach Berlin kam. Ich habe vor, 2017 wieder zu kommen. Berlin schläft nie. Ich schlafe auch kaum, also ist die Stadt perfekt für mich. (lacht) Dort kann man viele Dinge tun und es ist schwer sich dort zu langweilen. Ich habe mit Sightseeing angefangen. Es war schön. Doch dann kam die Nacht. Also ging ich jede Nacht in Bars. Eine gute Art unterschiedliche Milieus, Musik und neue Menschen kennen zu lernen.

Polarnacht von David Cote

Ein Eisbär betrachtet die Polarlichter.

 

»Ich habe mich in Deutschland verliebt«

 

Du kommst sehr viel herum. Hast du auch schon Prominente tätowiert?
Ja, manchmal mach ich das. Ich habe den Fußballspieler Daniele de Rossi vom AS Rom (und der italienischen Nationalmannschaft, Anm. d. Verf.) tätowiert. Es war total verwirrend für mich, daraufhin von sämtlichen italienischen Fernsehsendern gefragt zu werden, was für eine Erfahrung das für mich gewesen war. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Für mich war Daniele ein ganz normaler cooler Typ, der einfach ein Tattoo von mir wollte. Ich mag dieses Konzept von Prominenz nicht. Ich glaube, dass wir tief in uns drinnen alle gleich sind.

Tiger von David Cote

Kantiger Tiger mit grimmigem Blick.

Was für ein Tattoo hast du ihm denn gestochen und wie kam er auf dich?
Einen bärtigen alten Mann. Es war ein Spiegelbild seines älteren Ichs. Ich glaube, er fand mich durch die Arbeiten auf seinen Freunde, die ich ebenfalls tätowiert habe.

Haben dich Bücher, Filme oder Serien auch in deiner Arbeit beeinflusst?
Ich bin kein großer Fan von all dem. Ich kann nicht stundenlang stillsitzen ohne das Gefühl zu haben meine Zeit zu verschwenden. Selbst wenn der Film wirklich gut ist, habe ich immer das Gefühl ich könnte noch andere Sachen während dieser Zeit tun. Keines dieser Medien beeinflusst meine Arbeit. Nur Manchmal, wenn ich gerade am Malen bin und dabei ein Film läuft, dann entsteht daraus vielleicht etwas, das an den Film angelehnt ist.

 

LSD: »Macht Spaß.«

 

 

David Cote Tätowierer

David steht höchstens mal für ein Foto still. Ansonsten ist er immer in Bewegung.

Und wie sieht es mit Musik aus, was inspiriert dich dahingehend?
Sehr viel. Meine Lieblingsgenres sind Soul, Jazz und Funk. In meinem Kopf läuft 24/7 Musik. Sogar wenn ich schlafe. Und wenn ich aufwache hab ich auch immer einen Song im Kopf. Als Jugendlicher hab ich meine ganzes Geld für Konzerte ausgegeben. Ich ging zweimal die Woche, um verschiedene Bands zu sehn und habe auch auf Festivals gearbeitet, um sie kostenlos sehen zu können.

 

Term It Up! David über:
Mitternacht: »Mein Morgen.«
LSD: »Macht Spaß.«
Arbeitslosigkeit: »Geduld ist eine Tugend.«
Obama: »Bernie.«
Die Toronto Raptors: »Ich hasse Basketball.«
Beste Freunde: »Rumhängen.«
Milton Glaser: »Genie.«

 

 

 

 

 

 

 

Spielst du auch ein Instrument?
Natürlich! Ich bin ein Multi-Instrumentalist. Ich kann mich nicht auf ein Instrument konzentrieren, da ich mich sonst zu schnell langweile. Also lerne ich ständig neue. Wenn ich durch die Welt toure, nehme ich mir immer eine kleine Gitarre oder ein kleines Keyboard mit, um meinem Gehirn eine Auszeit von der Arbeit zu geben.

Was glaubst du, warum die Menschen gerade deine Tattoos so sehr mögen?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Vielleicht wegen der Einfachheit meiner Designs. Oder vielleicht wegen der Farben. Ich weiß es wirklich nicht. (lacht)

Tattoo von David Cote

Poppin‘ Pills. Davids Arbeiten enthalten wiederholt Anspielungen auf Illegale Rauschmittel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Landschaft von David Cote

Ein Tattoo zum Einschlafen: Ein Schaf, zwei Schafe, zzzzzzzzzz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eazy-E von David Cote

»I got to get drunk before the day begins«. Rap-Legende Eazy-E.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jay Z von David Cote

Immer nur New York im Kopf: Jay Z.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

David Bowie von David Cote

DAVID bOwiE von DAVID cOtE.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Terminvereinbarung:
David Cote
Imperial Tattoo Conexxion
Montreal, Kanada
www.instagram.com/thedavidcote
Termine über thedavidcote@gmail.com

Tattoo-Fotos: David Cote

Fotos von David Cote: Jean-Sébastien Dénommé

 

16. September 2016