Tattoo Artists

Cradle of Filthy – Tätowierer Marcel Preuß // Story

Marcel Preuß, aka Filthy, aus dem ostdeutschen Plauen fischt seine Motive aus der Wiege des Schreckens

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Wer sich das Gesicht zutackern lässt, muss wissen was er tut, sagt Filthy – und sticht zu.

Marcel Preuß zippt an einer 0,47-Liter-Dose Red Bull. Normalerweise trinkt er das Zeug ziemlich selten. Doch um dem Journalisten seine Fotos für diese Story rauszusuchen, hat er sich die letzten zwei Nächte um die zwei Finger breit gedehnten Ohren geschlagen. Der 27-Jährige ist an diesem Morgen etwas aufgeregt und gerädert zugleich. Er sitzt im Halbdunkel am Zeichentisch seines arbeitgebenden Studios Hells Kitchen im sächsischen Plauen. Eine Ringlampe leuchtet im Hintergrund. Marcel mag es düster.

 

Er sitzt im Halbdunkel am Zeichentisch

 

Nicht nur was die Lichtverhältnisse angeht. In seiner Tattoowork schlägt ebenfalls ein schwarzes Herz. Motten die von Sargnägeln durchtrennt werden, die Comicfigur Bob Belcher von Corpse-Stripes durchsetzt oder Sensen verpackt er in siechende Traditionals. Tod und Verderben sind Marcels eingefleischte Wegbegleiter. »Oft wollen meine Kunden ihre Tattoos sogar noch dunkler als ich sie steche«, wundert er sich.

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Untoter Bob Belcher aus der Serie Bob`s Burgers serviert ebenfalls totes Fleisch. Guuude!

Seelenlose Jahre
Eigentlich dachte Marcel, er könne gar nicht so gut mit Menschen. »Ich bin irgendwie kein Menschenfreund. Aber durch das Tätowieren habe ich diese Grenze überwunden und gemerkt, es gibt auch weniger schlechte Menschen. Der Job hat mir geholfen selbstsicherer zu werden und mir das Gefühl gegeben, geschätzt zu sein.« Es geht ihm nicht nur um Kreativität. Das Tätowieren unterstützt ihn bei der Selbstverwirklichung und gibt ihm das Empfinden etwas zu hinterlassen.

 

»Ich habe diese Grenze überwunden«

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Plakativer Neck Punch.

Eine Wirkung, die im sein voriger Job als KFZ-Mechatroniker nicht einflößen Konnte. Im Gegenteil: Seinen Eltern zu liebe quälte er sich durch diese seelenlosen Lehrjahre. Das Schlimme daran war nicht die Arbeit an sich und das Abhandensein jeglicher Schöpfungskraft. Vielmehr entsprang seine Frustration der allgemeinen Undankbarkeit dieses Berufes. Auf keinen Fall würde er sich das weitere 40 Jahre antun. Stattdessen recherchierte er, wo er in seiner Gegend an stabile Tattoos kommen könnte, und fand sich schließlich in Teufels Küche wieder.

 

Marcel Preuß findet sich in Teufels Küche wieder

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Rough Handjob: Der Effekt entsteht durch das Weglassen der Tinte.

Sebastian Born tätowierte ihm im Hells Kitchen die Entwürfe, die Marcel zuvor selbst gezeichnet hatte. So finden sich auf seinem Hinterkopf ein Pärchen psilocybinhaltiger Mushrooms und auch sein an den Seiten rasierter Kopf ist gepflastert mit Tätowierungen, Kinn und Hals inklusive. Sebastian erkennt Willen und Talent des gerade Mal 21-Jährigen und lässt ihn von da an unter seiner Anleitung an die Spulenmaschine. Mit dieser hat Marcel auch nach über drei Jahren als Tätowierer noch zu kämpfen, scheinen diese doch ihren eigenen Willen zu haben. »Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, Linien mit einer Rotary zu ziehen.«

 

Kein Kindergärtner
Seinen sächsischen Akzent hört man kaum heraus. Sein Gesichtstattoo ist aber unübersehbar. Infiltialis steht über seiner linken Augenbraue. Latein für ablehnend. Folglich lehnt er es auch erstmal ab darüber zu sprechen, erkennt aber auch den Widerspruch darin: »Es ist schon komisch von mir: Erst lass ich mir was ins Gesicht stechen und will dann aber nicht drüber reden.« Im Endeffekt erzählt er dann doch davon und stellt fest, dass die Leute ihn danach oft besser verstehen. Mittlerweile hat er eine Leidenschaft dafür entwickelt, sich im Gesicht tätowieren zu lassen.

 

Top 5 Musik-Alben
– Zugezogen Maskulin – Alles brennt
– Audio88 – Der letzte Idiot
– Clark – Totems Flare
– K.I.Z. – Böhse Enkelz
– System of a Down – Toxicity

Top 5 Filme und Serien
– The Witch
– It follows
– True Detective (Serie)
– Hannibal (Serie)
– Adventure Time (Serie)

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

O’zapft is.

»Nicht so ignorant durchs Leben«

 

Auch auf ein paar silberne Zähne hätte er Lust, aber: »Man muss aufpassen und nicht so ignorant durchs Leben gehen. Man muss schauen dass man sozialfähig bleibt. Dazu gehört auch, auf seine Freunde ein bisschen zu hören. Kompromisse sind der Schlüssel. Und von da aus kann man immer ein Stück weiter gehen. Es ist auch gar nicht so wichtig, was jemand im Gesicht tätowiert hat, denn lesen kann das sowieso keiner. Die Leute sehen nur das Tattoo an einer, nach deren Meinung, ganz schlimmen Stelle. Fertig. Man schaufelt sich schon ein Stück weit sein soziales Grab damit. Aber ich glaube, dass eher junge als alte Leute darauf mit Abneigung reagieren. Die Alten haben schon viel gesehen im Leben.« Eine Wohnung wurde ihm deshalb jedenfalls noch nicht verweigert. Marcel fühlt sich normal und nimmt negative Reaktionen nicht wahr.

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Lutsch mein … Insekt!

Nietzsche hat recht
Selbst hackt er auch nicht grad wenige Jobstoppers in die Gesichter seiner Auftraggeber, wenn auch unter gewissem Vorbehalt. Oft kommen junge Tattoo-Unbefleckte zu ihm, die nur zu gerne ihr erstes subkutanes Bildchen auf den Fingern oder dem Hals tragen würden. »Ich bin kein Kindergärtner, aber ich nehme mir manchmal das Recht raus, solche Tattoos zu verweigern.« Zu wählerisch will er sich aber auch nicht geben, denn: »Eine ganze Generation von Tätowierern wird merken, dass sie vieles nicht mehr ablehnen kann. Im Moment sind die Zeiten zwar gut, und es kann sogar noch besser werden, es kann aber auch sein, dass sich irgendwann niemand mehr für Blackwork interessiert.«

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Was stellt das dar? Wir freuen uns über Antworten in den Kommentaren, hier und auf Facebook.

»Alle gut verfolgten Dinge hatten bisher Erfolg« Nietzsche

 

Dabei zählt er sich selbst zur neuen Generation von Tätowierern, die weniger an Talent als an harte Arbeit zu glauben scheint. »Ich denke, dass es diesen bestimmten Schlüssel nicht gibt, der einem zum Tätowierer macht, man mit Disziplin aber richtig was reißen kann. Nietzsche sagte mal ›Alle gut verfolgten Dinge hatten bisher Erfolg‹. Und er hat recht.« Der Face-Tat-Boom macht also auch vor dem ostdeutschen Plauen keinen halt. Einem Ort, der laut Marcel kaum einem Einfluss von außerhalb unterliegt. Deswegen fühlt er sich dort auch nicht angekommen.

 

»Ich bin zu anspruchsvoll«

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Schwarz-Türkis-Kombi. Bitte mehr davon.

Dem Dark Artist fehlt hier die Kunst, egal ob modern oder traditionell. Zudem wandert alles was jung ist ab aus der 65.000 Einwohner Stadt. »Ich bin wahrscheinlich zu anspruchsvoll für Plauen.« Sachsen soll dennoch seine Homebase bleiben, denn den Kontakt zu Freunden und Familie gilt es für ihn zu wahren. Vielleicht geht’s nach Leipzig eines Tages. Berlin wäre ihm schon wieder zuviel.

 

Zweifel und Zerfall
Nicht nur Anti-Christen wie Nietzsche wandeln durch Marcels Blickfeld. Er interessiert sich allgemein für nihilistische Künste, Bücher von Heyne Hardcore fernab des Mainstreams und Hexenzeug, wie er es nennt. »Ich hatte aber keine schlimme Kindheit oder so. Meine Vorliebe hat sich einfach ganz natürlich entwickelt.« Mehr davon tankt er auch in Serien und Filmen nach. Sie stehen ebenfalls Pate beim Entwickeln seiner vom Zerfall gekennzeichneten Skin-Sketches. Der Glaube an sich selbst zerfällt auch gelegentlich. Ungefähr alle zwei Wochen stürze er in das Loch der Selbstkritik, wohlwissend dass er in seiner Zunft davon nicht allein betroffen ist.

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Spartanisch-martialisch: Sogenannter Piloshelm. Knallt.

»Ich bewundere Tätowierer, die nie an sich zweifeln«

 

»Ich habe meine kreativen Phasen und die, in denen alles dahin schleift. Ich bewundere Tätowierer, die nie an sich zweifeln.« In solchen Momenten hilft Ablenkung. Das liefert ihm seit seinem 17. Lebensjahr sein Techno-Liveact-Projekt D-Effekt. Dabei programmiert er mit FS-Studio auf seinem MacBook Loops und Beats erst während seines Auftritts. Das Release seiner Götterfresser-EP bei iTunes erfolgte ebenfalls unlängst. »Hauptsächlich fließt meine Energie aber nach wie vor ins Tätowieren.«

 

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

FXHQ steht für Filthy Hardcore und ist oft Wunsch des Kunden.

»Ich habe Phasen, in denen alles schleift«

 

Auch als Writer hat er eine zeitlang rumgetoyt, gibt er zu. Hängengeblieben und etabliert hat sich dadurch sein Künstlername Filthy Hardcore, kurz FXHQ. Nicht selten wünschen sich seine Kunden dieses Tag als Tattoo. Einfach so. Warum auch nicht? Denn hast du den ersten Schritt erstmal gemacht, gibt’s eh kein Zurück mehr. »Da kannst du der netteste Mensch der Welt sein, wenn du eine gewisse Menge Tattoos trägst, wirkst du immer bedrohlich auf die Leute.«

Tätowierer Marcel Preuß, www.tattootimes.de

Thug Life, Baby. Niedliche Tupac-Hommage.

 

 

Terminvereinbarung:
Marcel Preuß

08523 Plauen
instagram.com/fxhq_tattooer

facebook.com/filthyhardqore

 

Portraits von Marcel: instagram.com/axldxl

Tattoo-Fotos: Marcel Preuß

 

04. Februar 2017