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Alles Absicht – Andreas Coenens Tattoo Expo // Interview

Andreas Coenen hat die 1. Kaiserstadt Tattoo Expo Aachen mit Meistern des Traditional aus aller Welt bestückt. Wie und wieso, erklärt er im Interview.

 

Tattoo Expo Aachen

Auf der Expo versammelte sich hauptsächlich Fachpublikum.

Es wird ordentlich was wegtätowiert, wenn ein internationaler Mob aus Ausnahmekünstlern zusammenfindet und die richtigen Leute davon Wind bekommen. So geschehen auf der 1. Kaiserstadt Tattoo Expo Aachen. Hier ließen sich letztes Wochenende Kenner von Könnern tätowieren. Dass die Tivoli Eissporthalle gut besucht, wenn auch nicht brechend voll war, war nur angenehm für alle Beteiligten. So hatte sich das Veranstalter Andreas Coenen vorgestellt. Top-Tätowierer, aufgesucht von Gourmets, die Hunger auf Neo-, American- oder Japanese-Traditional haben.

 

Könner tätowieren Kenner

 

Es kamen gerade so viele von ihnen, um alle Tätowierer und Kunden für das ganze Wochenende mit Arbeit und Tattoos zu versorgen. Und es waren wenig genug, um keine belastende Massenveranstaltung aus der Expo zu machen. Andreas, seit 22 Jahren selbst Tätowierer und Herr des Hauses bei The Sinner and the Saint in Aachen, traf genau die Mitte mit seiner Idee von Convention. Zu oft war er unzufrieden mit anderen Veranstaltungen. Nun wollte er es besser machen. Laut Feedback der Besucher und Tätowierer scheint ihm dies auch gelungen zu sein. Ein vergleichbar straightes Line-up hatte es bis dato auf deutschem Boden jedenfalls nicht gegeben.

Tattoo von Paul Dobleman

Paul Dobleman, wird nicht nur in den USA für seine Traditionals gefeiert.

Fast jeder trug hier Tattoos, die den kundigen Augapfel feucht werden lassen konnten. Hier ein vierfarbiger Paul Dobleman aus den USA, da ein minimalistischer Horikyo aus Japan. Letzterer ist die höchste Instanz in der Halle. Horikyo tätowiert seit über 40 Jahren im Tebori-Stil und war nach Angaben von Coenen noch nie auf einer ausländischen Convention. Bis jetzt. Zusammen mit Yamato Horitada, Horishige, Horikyu, Koji Ichimaru, Horiten und Bunshin Horitsohi lässt er in Aachen die hochinteressierten Zuschauer live an der über 100 Jahre alten asiatischen Tradition des Tätowierens teilhaben. Wen stört es da, dass es weder Contests noch sonstiges Show-Programm gibt?

 

Kein Contests, keine Shows auf der Tattoo Expo. Wen stört’s?

 

Zu den internationalen gesellen sich auserwählte Artists aus dem Inland, die zum Teil bisher jedes Convention-Rampenlicht scheuten. Marode zum Beispiel, der normalerweise im Würzburger Poison Heart explosive Wildstyles unter die Haut bringt und seine Dienste bisher nicht für eine Convention zur Verfügung stellen wollte. Tätowierer wie Pino Cafaro, Herb Auerbach oder Ilja Hummel untermauern das Level, auf dem hier zugestochen wird. Diese Kaliber machen die Expo zum Exodus, auf dem nur beste Qualität vom Stapel rollt.

 

Moderne Grafik- oder Farbrealistic-Styles bleiben in Aachen allerdings außen vor. Mit voller Absicht und aus seiner Überzeugung heraus legt Coenen den Fokus auf Traditional Tattooing. Aus technischer Sicht heißt das, das Tattoo und seine einzelnen Bestandteile haben eine schwarze Outline, die die satten Farbflächen umringt, aus denen es besteht und die für Klarheit beim Betrachter sorgt. Zudem enthält es einen gewissen Schwarzanteil zur längeren Haltbarkeit. Die Spezialisten auf diesem Gebiet folgten dem Ruf von Andreas. In ihm sehen sie einen Freund, nicht nur einen Kollegen. Für viele, nicht nur für Newcomer, stellt er hierzulande den Paten des Tätowierens dar.

Japanische Tätowierer auf der Tattoo Expo Aachen

All in a row. Einige dieser Japaner tätowierten zum ersten Mal in Deutschland.

Hier rollt nur beste Qualität vom Stapel

 

Die Boulevardmedien halten sich fern vom Gelände. Hier gibt es nichts Grelles womit sie ihre Zuschauer bespaßen könnten. Nur nerdige High-Quality-Tattoos von einigen der respektiertesten Tätowierer. Zu bodenständig für die Klatschpresse, die im Vorfeld von der Convention wusste. Dafür schauen der WDR und Fachmagazine zur Berichterstattung vorbei. »Beim WDR hast du direkt den Anspruch gemerkt. Im Vergleich zu Pro7, mit denen ich auch schon zu tun hatte, waren das Welten. Der Boulevard will nur die reißerischen Stories« erzählt der Veranstalter leicht gereizt von seinen Presseerfahrungen.

Tattoo von Andeas Coenen

Arbeit des Gastgebers Andreas Coenen. So sieht seine Vorstellung von gutem Tätowieren aus.

Am Samstagabend treffen wir Andreas an einem der Stände. Der stämmige 46-Jährige ist von einer kleinen Menschengruppe umgeben, mit der er sich heiter unterhält. Wir begrüßen uns und verlassen gemeinsam die Halle, für ein Interview. Draußen ist es dunkel geworden, Regen fällt. Aus dem kleinen rot-gelb gestreiften Zirkuszelt vor der Halle dröhnen rockige Töne. Die vier Food-Trucks gegenüber versorgen die Besucher noch immer mit Pulled Beef Sandwiches, Falafel oder Buritos. Auch in Sachen Verpflegung übertrifft Andreas Conventions andernorts. Wir laufen vorbei an den Trucks, hin zum Parkplatz. Hier steht sein schwarzer Hyundai iX 35 SUV. Im Innern sind wir geschützt vor Nässe und Geräuschpegel. Er schüttelt sich die Tropfen vom schwarzen Hoodie und erzählt von den angenehmen Strapazen eine Convention zu veranstalten.

 

Andreas erzählt von den angenehmen Strapazen die Tattoo Expo zu veranstalten

 


 

Wieso braucht Deutschland eigentlich noch eine Convention? Gibt es nicht schon genug mittlerweile, gerade auch in den Gefilden, in denen du jetzt veranstaltest?
Zur Kustom Kulture Forever habe ich vier Jahre lang die Classic Tradititonal Tattoo Show beigetragen: Eine kleine Tattoo-Convention als Teil dieser größeren Auto- und Motorrad-Show. Dazu habe ich Tätowierer eigeladen, mit denen ich befreundet bin. Resonanz und Ergebnis waren super. So kam die Idee, mal eine echte Convention zu machen, weil ich viele dieser Tattoo-Veranstaltungen nicht mag. Allerdings gefällt mir die Tattoo Ink Explosion in Mönchengladbach. Ich wollte einfach eine Convention machen, die anders ist. Und ich denke, das ist sie auch geworden. Als ich dann gesagt habe, dass ich eine mache, hatte ich sehr schnell sehr viele Zusagen und ein sehr gutes Line-up, auch mit Leuten aus Japan und den USA. Das ergab eine richtige Kettenreaktion.

 

 

Das Line-up ist außergewöhnlich. Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Besucherzahlen dem nicht gerecht werden. Stört dich das?
Tatsächlich sind fast alle Tätowierer schon jetzt für das ganze Wochenende ausgebucht. Die Leute lassen sich wie irre tätowieren, was grundsätzlich mal das Wichtigste ist. Die Besucherzahl ist für mich kein Qualitätsindex. Ein Publikum, das meine Veranstaltung nicht versteht, ist hier erst gar nicht aufgetaucht. Bei uns gibt es eben keine Strip-Shows oder Böhse-Onkelz-Coverband. Das war auch genau so beabsichtigt.

 

Tattoo von Bernhard, Vienna Electric

Bernhard von Vienna Electric stach diesen an den japanischen Stil angelegten Fuchskopf.

»Die Besucherzahl ist für mich kein Qualitätsindex«

 

Was es bei euch auch nur sehr wenig bis überhaupt nicht gibt, sind die modernen Stilrichtungen wie Farbrealismus, Grafik und so weiter, was wahrscheinlich ebenfalls beabsichtigt ist.
Ich habe schon eine sehr genaue Vorstellung davon, was gutes Tätowieren ist. Ob das jetzt richtig oder falsch ist, ist wieder eine andere Sache. Bleibt aber meine Vorstellung. Du hast ja schon Interviews mit mir gemacht und weißt, dass ich mich nicht scheue, meine Meinung zu sagen. Ich will meine Idee von gutem Tätowieren promoten. In der Zeit von Farbrealismus und Pinterest, will ich ganz stumpf zeigen, was in meinen Augen gutes Tätowieren ist. Neo-Tradirional, Traditional und Japanisches machen bei uns den Großteil aus. Vereinzelt auch Tribal und moderne Stile. Die Tätowierer, die diese Stile auf meiner Convention stechen, machen diese aber so, dass sie funktionieren und in ihrer Ausführung auch Substanz haben.

Tätowierer Horitada aus Japan

Das Zitat aus Zatōichi – Der Blinde Samurai, in Horitadas Gesicht tätowiert, beschreibt die Vorzüge des Blindseins.

Was ist aus deiner Sicht nun das besondere an deinem Line-up?
Ich sag’s mal so: Einige dieser Tätowierer waren tatsächlich noch nie in Deutschland. Horikyo tätowiert seit über 40 Jahren. Ich weiß nicht mal, ob der überhaupt schon einmal auf einer Convention war. Allein dass er hier ist, ist eine Sensation. Er ist der Großmeister von Bunshin Horitoshi, der ebenfalls hier tätowiert und der auch des öfteren bei uns im The Sinner and the Saint arbeitet. Er hat Horikyo gefragt, ob er kommt. Und Horikyo ist mit seiner ganzen Tattoo-Family angereist. Es sollten Tätowierer kommen, die man nicht auf jeder Convention findet, wie Marode. Aber er hat gesagt: »Andreas, wenn du die machst, dann komm ich.« Und er hat es auch nicht bereut. Diese Expo ist eine Convention für Tätowierer, die sich normal nicht besonders wohl auf Conventions fühlen.

 

»Eine Convention für Tätowierer, die sich nicht wohl auf Conventions fühlen«

 

Welche Dinge hast du für die Tätowierer gemacht?
Das sind Kleinigkeiten, auf die andere Veranstalter aber nicht achten. Das fängt dabei an, dass wir heute morgen erst mal alle zusammen eine deutsch-englische Stadtführung gemacht haben. Ich stelle den Japanern einen Dolmetscher zur Verfügung, der für die Kommunikation zwischen ihnen und dem Kunden sorgt. Ich habe mit dem Hotel abgeklärt, dass die Tätowierer auch noch nach dem Arbeiten um zwei Uhr nachts warmes Essen bekommen. Ich habe einfach auf die Punkte geachtet, die ich selbst oft vermisst habe. Die Abstände zwischen den Ständen, sind auch größer, damit es nicht zu eng wird. Unser Partner Magic Moon sponsert Griffe und Nadeln an die Tätowierer, die mit dem Flugzeug anreisen, damit die nicht alles mitschleppen müssen. Wenn der Service für die Tätowierer stimmt, leisten sie auch bessere Arbeit, wovon dann wiederum das Publikum profitiert.

 

Traditional von Danielle Rose

Sehnsüchtiges Traditional von Danielle Rose aus Schottland.

»Wenn der Service für die Tätowierer stimmt, profitiert das Publikum«

 

Wovon hängt eine zweite Ausgabe der Expo ab?
Nach dem Wochenende weiß ich mehr. Du hast die Sache mit dem Publikum ja schon angesprochen. Man muss jetzt natürlich schauen, ob das Konzept von den Leuten auch angenommen wurde und auch kommerziell funktioniert. Denn egal wie sehr ich das Tätowieren liebe und den Leuten mit einer geilen Convention was zurückgeben möchte, wenn ich jedes Jahr draufzahlen müsste, dann könnte ich so natürlich nicht weitermachen. Es wird definitiv kein Verlustgeschäft, aber ich hab schon extrem dafür geackert: Jeden Tag acht Stunden in meinem Laden tätowiert und dann abends mit meinen Partnern die Convention organisiert.

Peonie von Horikyo

Von Hand gehackt: Pfingstrose von Horikyo aus Japan.

Kannst du dir vorstellen, Kompromisse einzugehen, um kommerziell erfolgreicher zu sein?
Lustiger Weise habe ich darüber gerade mit meinem Partner gesprochen. Wir würden es wahrscheinlich noch mehr hardcore machen. Wir würden sogar eher noch minimalistischer werden, weil ich glaube, dass unser Publikum zu 80 Prozent Fachpublikum ist. Die würde es wahrscheinlich nichtmal stören, wenn vor der Halle kein Zirkuszelt mehr steht in dem Musik gespielt wird. Ich würde auch keine anderen Tätowierer einladen, nur um mehr Geld zu verdienen. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste eine kommerzielle Convention machen, bei der ich Kompromisse machen müsste, würde ich nein dazu sagen.

 

»Ich würde keine anderen Tätowierer einladen, nur um mehr Geld zu verdienen«

 

Auch auf Contests hast du verzichtet.
Ich fand Contests noch nie interessant oder ausschlaggebend. Beim Contest machst du denn dritten Platz. Was heißt das dann? Das deine Tätowierung nicht so gut ist? Heute sind 30.000 Follower mehr wert als 20 Pokale in deinem Studio. Bei dieser Stilvielfalt heutzutage, sagt ein Contest tatsächlich nichts mehr aus. Wie willst du denn einen Mandala- mit einem Realistic-Sleeve vergleichen? Ich find das schräg. Im Zeitalter von Instagram und Internet finde ich sie sogar noch uninteressanter, weil Tätowierungen dadurch sowieso schon andauernd bewertet werden. Im Internet wird soviel Negatives über Tätowierungen geschrieben, das macht mich manchmal irre, wenn ich das lese.

 

 

Du selbst hast dich in unserem »Nachgestochen«-Interview aber auch schon negativ über Tätowierungen geäußert.
Stimmt, aber meine Meinung zu diesen Tattoos kann und konnte ich ja auch immer begründen. Aber es gibt Top-Tätowierer, die Top-Arbeiten posten und mindestens zwei der Kommentare darunter sind einfach nur absolut unreflektiert und hetzerisch. Die kommen von Leuten, die nichts mit dem Tätowieren zu tun haben.

 

»Wie willst du einen Mandala- mit einem Realistic-Sleeve vergleichen?«

 

Tattoo von Herb Auerbach

Frauenporträt von Herb Auerbach aus Santa Cruz, USA.

Wahrscheinlich hat in Deutschland niemand bessere Beziehungen zur internationalen Szene als du. Wie hast du diese Connections aufgebaut?
Ich reise viel und hab mich von vielen Tätowierern tätowieren lassen. Dabei lernt man Leute kennen. Ob man sich mit denen dann anfreundet, ist wieder eine andere Sache. Zweimal im Jahr bin ich in den USA, einmal im Jahr in Japan. Die Leute merken, du bist nett. Sie finden deine Arbeit gut und respektieren dich. Scott Sylvia, Chris Conn oder Jeff Rassier sind echte Freunde von mir. Ich reise seit 16 Jahren in die USA. So entstehen dann diese Freundschaften. Der Austausch war mir schon immer wichtig, denn ich will nicht mit Scheuklappen durchs Leben gehen. Dazu kommen die vielen Gäste in meinem Laden. Das ist mir genauso wichtig, denn ich mag auch den sozialen Aspekt des Tätowierens. Über das Tätowieren habe ich am wenigsten aus Büchern gelernt, sondern vor allem aus den Begegnungen.

 

2. Kaiserstadt Tattoo Expo Aachen:
15. bis 17. September 2017

 

Fotos: www.tattootimes.de
25. September 2016