Marshall Griffin, tattootimes.de
Tattoo Artists

It’s Magic! – Schriften-Stecher Marshall Griffin // Story

Die Fußball-Szene, das Tätowieren und Graffiti lehrten Marshall Griffin die Wertschätzung der Dinge

 

Tätowierer Marshall Griffin, tattootimes.de

Illustration von Marshall mit seiner Hündin Lena.

Marshall befindet sich mitten in einer körperlichen und geistigen Renaissance. Sein Leben hat er vor kurzem radikal verändert. Sein Hasch ins Klo geworfen, eine Saft-Diät begonnen, Heilpraktiker aufgesucht, mit Körpertherapie und Bewusstseinsarbeit begonnen. Vor dem Interview schiebt er sich noch schnell ein paar Mandeln und Haselnüsse in den Mund. Bis hierhin war es ein mühsamer wenn auch leidenschaftlicher Weg für den 30-jährigen Berliner. Die Anerkennung, die er in seiner Familie nicht bekam, gaben ihm die Subkulturen wie die der Hooligans und Ultras der Hertha, das Tätowieren und die HipHop-Kultur. Im folgenden reflektiert der Geläuterte über die Vergangenheit und kommt zum Schluss, dass körperliche Auseinandersetzungen mit anderen Mitmenschen für ihn heute unter keinen Umständen mehr in Frage kommen.

 

Marshall befindet sich mitten in einer körperlichen und geistigen Renaissance

 

Vom Rappen und Breaken war der Schritt zum Graffiti der nächst logische. Ein Writer in Berlin kurz um die Jahrtausendwende zu sein, bedeutete etwas. Damals und zuvor verloren in der Hauptstadt Sprüher ihr Leben bei Auseinandersetzungen mit anderen Crews. Auch Marshall steckte als Jugendlicher da mit drin. Nachdem einer seiner Freunde einen Graffiti-Rivalen per Messerstich schwer verletzte, landete der Täter für ein paar Jahre hinter skandinavischen Vorhängen. »Damals wurde mir klar, das ist kein Spiel. Der Mensch hat zwar überlebt, aber sinnbildlich sind ein paar Menschen an diesem Tag gestorben. Seine Eltern, seine Freundin und andere. Es ist unglaublich, was so eine Aktion alles anrichten kann. Spätestens da war unsere Kindheit vorbei.«

 

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»One Eight Seven« steht Synonym für Mord.

Wo sind die Gegnaz?

Was aber vorerst kein Ende der Gewalt bedeutete. Keiner rennt, heißt es in der Hooligan-Szene als Teil derer Marshall sich wieder fand. Der junge Mann hielt stand für Hertha BSC Berlin, wenn der Gegner kam. Nicht auf dem Platz, sondern bei Straßenkämpfen. Überfallen zu werden und andere Hooligangs zu überfallen, gehört dazu in der Szene. Marshall verlor bei solchen Gefechten einen Zahn, brach sich zwei Finger, zog sich einen Kapselriss zu, wurde festgenommen, bekam Stadionverbot und sah dem Richter in die Augen. Aber er rannte nicht. Und selbst wenn, seine Freunde hätten ihm die Schläge nachgereicht, die er sich bei einer Flucht vorerst erspart hätte. »Wenn du dich dieser Sache verschreibst, dann tust du das mit allen Konsequenzen und weißt das auch im Vorfeld.« Von da an hatten auch die hochrangigen Capos des Clubs ihn auf dem Schirm.

 

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Hommage an die Hertha, der Marshall sich eng verbunden fühlt.

»Wenn du dich dieser Sache verschreibst, dann tust du das mit allen Konsequenzen«

 

Heute ist er kein aktiver Ultra geschweige denn Hooligan mehr, bemüht sich um Frieden für sich und andere auf seinen Lebenswegen und besucht nur noch selten Spiele. Als einer der Wenigen ist er bei beiden Berliner Vereinen geduldet, bei Union und der Hertha. Seinen Status hat er sich durch genannte Standhaftigkeit erarbeitet – aber auch durch seine Zeichen- und Tattoo-Skills. Die Ultras beider Berliner Clubs tragen Schriftzüge und schwarzgraue Bilder auf der Pelle und unter ihren Trikots, die die volle Packung Lokalpatriotismus beinhalten. Berliner Fersehturm, Schriftzüge der Ultra-Gruppen und so weiter. Marshall war dabei erste Anlaufstelle für sie.

 

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Paff, paff. Maria Singer aus dem Kultfilm Fight Club.

Classic

Marshall wird 1986 in Ostberlin geboren. Seinen bürgerlichen Namen verrät er während des Interviews nicht. Eminem aka Marshall Bruce Mathers III ist damals einer seiner Taktgeber. Wie der Detroiter MC, färbt auch der pubertierende Berliner sich damals die Haare blond und versucht wie dieser zu rappen. Klar, dass ihn seine Freunde eines Tages den Namen Marshall geben und auch die Lehrer des Gymnasiasten, der gleich mehrfach wegen erheblichem Desinteresse sitzen blieb, ihn fortan so nennen. Seinen Künstler-Nachnamen Griffin pickte er sich von Peter Griffin, dem korpulenten asozialen Sackgesicht und Protagonist der US-Cartoon-Serie The Family Guy.

 

Seinen bürgerlichen Namen verrät er während des Interviews nicht

 

 

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»Believe in yourself« im beliebten Chicano-Stil.

Eine Lehre zum Maler und Lackierer schmeißt Griffin vorzeitig, nach dem das Tätowieren immer mehr Einzug in sein noch chaotisches Leben nimmt. Mit 21 darf er bei den Urban Outlaws, einem privaten Studio in Berlin, der Hang Around sein. Das heißt aufräumen, sauber machen, zeichnen. Zur selben Zeit bringt ihm Alex im aus dem TV bekannten Classic Tattoo Schritt für Schritt das Tätowieren bei. Als die Kamera-Teams anrücken und das Studio zum bekanntesten Deutschlands machen, ist Marshall bereits mittendrin im Geschehen. Sie filmen ihn beim Stechen eines Eckel-Flashs, mit dessen Ergebnis Marshall nie zufrieden war. »Ich wollte das schon damals nicht stechen, aber irgendwie haben mich die Leute dazu überredet. Im Nachhinein hätte ich mir mehr Schutz in dieser Situation gewünscht.« Fünf Jahre später, 2013, eröffnet Marshall mit »Zum frischen Lutz« sein eigenes Studio in Berlin-Rummelsburg.

 

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Johannes 8:12. »Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt.«

Dan and Stan

Pensionierte und aktive Writer suchen den Weg dorthin. So zum Beispiel die CRN- und BC-Crew, die schon Züge bombte bevor Marshall selbst die Montana-Cans schüttelte. Er beschriftet die Häute der Capos, Ultras und Hools verschiedenster Fußball-Clubs, wie die von Hannover, Düsseldorf, Dortmund, Amsterdam und natürlich Berlin. Bei Mr. Griffin bekommen sie Authentizität in die Haut geholzt, das weiß man in der Hauptstadt. Über die Jahre hat er sich nicht nur in diesen Kreisen ein gewisses Standing erarbeitet. Manchmal wundert er sich über die Ehren die ihm zu Teil werden.

 

Bei Mr. Griffin bekommen sie Authentizität in die Haut geholzt

 

So zum Beispiel bei der Verbindung zu Dan Sinnes. Der Tätowierer aus Luxemburg ist für Marshall die höchste Souveränität im Staate Lettering. Schon zu My-Space-Zeiten sammelte er die Fotos und Interviews seines Leitbilds. Als Dan ihn während einer Begegnung auf der London-Convention in sein Studio nach Luxembourg-Stadt bat, war dies ein Ritterschlag, den Marshall erstmal verkraften musste. Es war, als stünde Stan vor Eminem, der ihn einlud seine Villa mit Fahrstuhl zu besichtigen. »Ich hab mich 100 Mal bei ihm bedankt und ihm gesagt, wieviel mir das bedeutet. Das war pure Magie und ich bekomme heute noch Gänsehaut davon.«

 

 

 

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Oft ist lokalpatriotisches des Kunden Wunsch. Wie hier der Berliner Fernsehturm.

Es war, als stünde Stan vor Eminem

 

Einerseits bestätigte die Offerte ihn darin, auf dem richtigen Weg zu sein. Andererseits: War er wirklich schon so weit? Würde er den Anforderungen Dans gerecht werden? Marshall forderte Dan eine Bewertung nach einer Woche Gastarbeit ab. Der wunderte sich zwar, aber gab ihm den Rat weniger frei Hand zu tätowieren, stattdessen seine Letterings noch genauer vorzubereiten: Alles nochmal durchzeichnen, Abstände korrigieren, Winkel angleichen, um so das Gesamtbild zu verdichten.

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»Missglückt« mit luftigem Fill-in.

 

Circle Closes

Um seine neue Selbständigkeit zu untermauern, ließ er sich von Dan »Eigenregie« in verschnörkelten Lettern auf den linken Unterarm tätowieren. »Manche Tätowierungen lässt du dir stechen, um dich daran zu erinnern, was du machen möchtest und manche, um dich daran zu erinnern, was du schon machst. Ich fange jetzt erst an, zu machen und auch zu sagen, was ich will. Dass du mich in dem Moment anrufst, ist total geil. Der Zeitpunkt ist super stimmig. Endlich schließt sich mein Kreis. Ein ultrakrasses Gefühl. Ab jetzt redet mir keiner mehr rein.« Außer Sonja Lehmann. Die Tätowiererin ist gleichberechtigte Mitarbeiterin und Marshalls beste Freundin. Wie Marshall auch, tätowiert sie im »Zum frischen Lutz« hauptsächlich in Schwarz, konzentriert sich aber nicht auf Letterings, sondern auf Figürliches.

 

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»Glückselig« kann sich der schätzen, der so ein gekonntes Lettering auf dem Bauch trägt.

»Ab jetzt redet mir keiner mehr rein«

 

Die beiden maßen sich nicht an, alles zu tätowieren. Das ist nicht ihr Anspruch. »Wem ist denn damit geholfen, wenn ich einen Asia Sleeve steche, wenn Lars Wilczinski das viel besser kann?« so Marshall. Gerne schickt er Menschen mit Wunsch nach Asia, (Neo-) Traditional oder Graphic zu seinen geschätzten Kollegen, von denen es im Tattoo-Capital Berlin genug gibt und mit denen Marshall in Kontakt steht. Wer es allerdings auf schwarzgraue Realistic abgesehen hat, ist bei ihm ebenfalls am richtigen Spot, wie zum Beispiel sein Backhander mit Realistic-Rose zeigt.

 

Mixed Marshall Arts

Die Letterings des Berliners sind nonkonform und erinnern sich an keine Regeln. Er mixt Blockschrift mit Chicano und Graffiti und variiert die Schriftgrößen einzelner Wörter und Buchstaben innerhalb einer Tätowierung, wenn er ganze Körperpartien mit Gedichten und Bibelzitaten zusticht. Sämtliche Stencils davon pinnt er an seine Studiowände. Verschiedene Schriftarten hängen dann dort nebeneinander. Mancher Kunde konnte sich nur schwer für einen Stil entscheiden und wünschte sich daher einen Schriftenmix. »Ich sehe das ja immer nur aus Tätowiererrsicht. Aber manchmal kommt jemand von außen und rüttelt daran. Und Zack, ist eine neue Idee da«, beschreibt Marshall, wie die Zusammenarbeit mit seiner Klientel auch seinen Horizont erweitert.

 

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Neben Letterings sticht Marshall ebenfalls schwarze Realistic.

Die Letterings des Berliners erinnern sich an keine Regeln

 

Vorbereitung bedarf es wenig. Ausgearbeitet wird alles vor Ort mit Kunden aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten, wobei für beide Parteien die Lesbarkeit des Letterings zweitrangig ist. Statements wie »Believe in yourself«, »glückselig« oder »One Eight Seven« sind auch in beträchtlichem Umfang nicht eben im Vorbeigehen zu lesen. Das müssen sie auch nicht. In erster Linie zählt die Optik im Graffiti. Bei seinen Instagram-Posts schreibt Marshall die »Übersetzung« dazu, um auch die zu erreichen, die nicht in die Materie vertieft sind. Auch diese Menschen möchte er in seinem Studio bedienen. Dennoch sieht er sich nicht als Kellner, der jede Bestellung einfach aufnimmt und liefert: »Ich könnte viele Arten von Letterings stechen, aber dafür stehe ich nicht. Ich will meinen Kunden etwas geben, was von mir kommt.« Damit spielt er auf sein Haltung als Writer an, der von starren Computerschriften á la Helvetica und Co. eher absieht und sich lieber in frenetischen Styles ergeht, die mit brachialem Impact auf den Betrachter zurollen.

 

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Üppiges Chest-Piece: »Dedicated 2 Art«

Paid tha cost to be da boss

Heute hat Marshall erkannt, dass er verletzbar ist, sagt er über sich selbst, und ist in der Lage seine Vorteile darin zu sehen. »Wir sind alle Annerkennungs-Junkies. Wenn du als Kind keine Bestätigung bekommen hast, fehlt dir das später als Erwachsener. Das ist natürlich übelst ungesund. Ich musste erforschen woher das bei mir kommt, denn das hat mich verrückt gemacht. Früher hätte ich nie zugegeben sensibel zu sein. Aber ich bin es. Heute weiß ich, dass das ein Geschenk ist«.

 

»Früher hätte ich nie zugegeben sensibel zu sein«

 

Marshalls Augen sind weit geöffnet bei seinen Erzählungen. In ihnen spiegelt sich der Enthusiasmus eines von seiner Mission stets überzeugten Neustarters, der mit drei Amuletten um den Hals offen seine Lebensgeschichte enthüllt. Geschenkt hat ihm innerhalb dieser keiner etwas. Und er gibt zu, auch nicht immer alles verstanden zu haben, was ihm seine Mentoren vermitteln wollten. Man vertraute sich dennoch gegenseitig. Gepaart mit seiner Disziplin, die er sich über Jahre abverlangen konnte, ist er im Endeffekt froh darüber, wohin es ihn verschlagen hat. In ein für ihn mystisches Handwerk, das zu erlernen seine Preis hatte. Aber: »Ich weiß auch nicht, warum einem gerade beim Tätowieren was geschenkt werden sollte, denn Tätowieren ist etwas Magisches.«

 

 

Hier erzählt euch Marshall im Podcast, wie er Tätowierer wurde.

 

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Solltet ihr aus der Ferne mit dem Zug anreisen: Marshall wartet am Bahnhof auf euch.

Terminvereinbarung:

Marshall Griffin
facebook.com/ZumFrischenLutz
Nöldner Str. 5
Berlin-Rummelsburg
Tel.: 030 33308008
E-Mail: marshall@zumfrischenlutz.desonja@zumfrischenlutz.de

 

Fotos und Videos: Marshall Griffin

09. Oktober 2016