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Back to Black – Tätowierer Hanaro Shinko // Story

Keine Farben, keine Shadings. Die tribalen Traditionals des Esseners Hanaro Shinko legen sich über die Szene wie ein schwarzes Tuch.

 

Tattoo von Hanaro Shinko, www.tattootimes.de

Itsy Bitsy Spider.

Die Insel Singapur ist der kleinste Stadtstatt Südostasiens. Dennoch eine Wirtschaftsmacht, mit resoluter Exekutive. Schon geringen Drogenbesitz maßregelte diese bis vor wenigen Jahren noch mit der Todesstrafe. Der Erwerb von Kaugummis ist nur erlaubt, sofern man ein Ärztliches Rezept vorweisen kann. Grund: staatliche Sauberkeitsneurose. Wie passen da die Arbeiten eines fast zur Gänze gesichtstätowierten Tattooist hinein, die nicht die Harmonie asiatischer Arrangements vorzuweisen haben, sondern minimalistischer und wuchtiger kaum sein könnten?

 

Grund: Staatliche Sauberkeitsneurose

 

Tattoo von Hanaro Shinko, www.tattootimes.de

Back again: Rosen plus Stacheldraht sind wieder en vogue.

Dementsprechend so gut wie gar nicht. »Das Tattoo-Geschäft für European- oder American Traditional läuft nicht gut in Singapur«, resümiert Hanaro Shinko etwas konstaniert. Seine Frau Toya hat er über Instagram kennen gelernt. Die Essenerin reguliert die Abläufe seines privaten Studios The White Room. Versuche, ein gemeinsames Leben in Singapur zu meistern, scheiterten, da der Markt für Hanaros tribale Traditionals zu klein war und Toya das tropische Klima nicht verträgt. Also rein in den Jet nach Germany. Seit zwei Jahren ist Hanaro, genannt Han, nun im Pott, »in einer Stadt namens Essen«, erklärt er auf Englisch. An seinem Deutsch arbeitet er noch.

 

Orgasm auf der Haji Lane

Trotz extrem sensibler Autoritäten Singapurs, hatten und haben diese sich bis heute nicht am Tätowieren gerieben. Nach wie vor gibt es dahingehend keine Einschränkungen und Verbote, laut Han. Doch der Erfolgsdruck ist hoch in einem nur Fünf-Millionen-Einwohner-Land, dessen Menschen zu den reichsten der Erde zählen und in dem es Tätowierer wie Sand am Meer gibt. »Um ehrlich zu sein, war die Szene dort technisch nicht so berauschend. Aber Asia und Realistic sind schwer im Kommen.«

 

Tattoo von Hanaro Shinko, www.tattootimes.de

Einfach mal drüber gebügelt. Hanaros Blast Overs sind nahezu anarchistisch.

»Die Szene dort war nicht so berauschend«

 

Zeichnen war für ihn eine Möglichkeit sich künstlerisch Auszudrücken. Die Chance, im singapurischen Studio Virtual Orgasm eine Ausbildung zum Tätowierer zu machen, ließ er sich daher kein zweites Mal vom Studio-Besitzer Joseph anbieten. Der Shop befand sich auf Singapurs berühmter Haji Lane. Einer überschaubaren, aber lebhaften und farbenreichen Straße voll von moderner Kunst, Mode-Labels und Cafés. Realistic und Asia dominierten die Nachfrage im Orgasm. Nicht gerade Hanaros stilistisches Steckenpferd. Den 27-Jährigen beeinflussten seit je her Radikal-Minimalisten wie Duncan X aus England oder Ignacio aus Buenos Aires, die, wie er selbst, auf jeden Farb-Firlenfanz verzichten.

 

Blast Over everything

Hanaros Arbeiten sind, wie die seiner Vorbilder, von lebenslanger Haltbarkeit, wenn seine feisten Outlines in ausufernden Schwarzflächen münden und in ihrer Machart somit Ähnlichkeiten mit dem Tribal-Stil aufweisen, der gleichermaßen auf Farben und Shadings verzichtet. Selbst Alter und Sonne können so stabilen Arbeiten kaum zusetzen. Seine Old-School-Motive, – Frauenköpfe, Schlangen, Sensenmänner, Dolche und Rosen – scharren sich um Themen wie Tod, Vergänglichkeit, Glaube und Atheismus. Humor und Ironie halten hin und wieder auch Einzug in diese ansonsten inhaltliche und optische Schwarzstecherei, die zusätzliche eine kreative und gleichzeitig simple Möglichkeit des Cover-Ups ermöglicht: das Blast Over.

 

 

Tattoo von Hanaro Shinko, www.tattootimes.de

Blast over: So einfach und effektiv kann covern sein.

Selbst Alter und Sonne können so stabilen Arbeiten nicht zusetzen

 

»Ich hab das in Flash-Büchern aus den 70er- und 80er-Jahren gesehen. Dann hab ich meinen acht Jahre alten Sleeve teilweise so covern lassen, bevor ich es an meinen Kunden gemacht hab. Dabei steche ich einfach ein dunkleres Tattoo über ein älteres, verblasstes, aber ohne es dabei komplett zu covern.« So schimmern die alten Farben und Konturen durch die darüber gelegten schwarzen Hannya-Masken und verleihen einer Rose of No Man’s Land – einer Lazarett-Krankenschwester – ein leibhaftig nostalgisches Antlitz.Aber dennoch: »Ich steche alle Arten von Tattoos, und wenn ein Kunde oder Freund sich ein Tattoo mit mehr Farbe wünscht, bekommt er das auch«, zeigt sich Hanaro flexibel.

 

Tattoo von Hanaro Shinko, www.tattootimes.de

Hanaros Tattoos sind androgyn und passen gleichermaßen zu Mann und Frau.

»Ich steche alle Arten von Tattoos«

 

Europäische und amerikanische Flash aus »back in the days« haben ihn beeinflusst, der Tätowierer zu werden der er heute ist. Motive, die Han innerhalb dieses Stils erschafft, sind auch inspiriert durch »things you see on the street«. Auf diesen Streets rollt er oft. Schon bevor er sich fest in Essen niederließ, hatte er Reisen nach Europa unternommen. So sei es keine besondere Veränderung für ihn gewesen, hier zu leben. »Es gefällt mir hier. In Europa liegt alles so nah beieinander, so kann man schnell in andere Länder Reisen.«

 

Tattoo von Hanaro Shinko, www.tattootimes.de

Gesprengte Ketten, stabile Frauen. An Selstvertrauen fehlt es Hanaros Motiven nicht.

Dolch im Auge

Hanaro war 15 als sich zum ersten Mal Tinte mit seinem Blut vermischte und er so ein Tattoo sein Eigen nennen konnte. Das Tempo hat er seither nicht gedrosselt. Sogar in seinem Gesicht trägt er Cover-ups. Der Wolf in seiner rechten Gesichtshälfte, der dort von Hanaros Schläfe bis hin zum Kinn seine Zähne fletscht überdeckt einen Sensenmann. »Darum ist der auch so schwarz«. Über seinem linken Auge prangt der Griff eines Dolches, dessen Klinge unter seinem Auge wieder hervorstößt. Nur zwei von mehreren Tattoos, die sein Gesicht unverwechselbar machen und die es ihm im Alltag unmöglich machen in der Masse zu verschwinden. Vielleicht zieht er sich auch deshalb manchmal gerne zurück in seinen White Room, dessen Name für die Einfach- und Sauberkeit steht, die er mit seinem Tattoo-Stil verfolgt.

 

Tattoo von Hanaro Shinko, www.tattootimes.de

Ich mach dich Messer!

Shy Guy

Hanaro wirkt tatsächlich etwas schüchtern. »Ja, ich bin etwas zurückhaltend, aber wenn du offen für mich bist, dann bin ich es auch für dich.« Seine Studio-Adresse gibt er erst nach Mail-Kontakt und der Vereinbarung eines Termins heraus. Fatale Erfahrungen in seinem ersten Street Shop hierzulande haben ihn geprägt und zu mehr Privatsphäre und Vorsicht bewegt. »Mein erster Shop hier war die Hölle. Ständig kamen Betrunkene und Leute auf Drogen rein. Auf Dauer war das einfach zu gefährlich, da ich den Laden allein mit Toya schmeiße. Zur Zeit bin ich mit meiner Frau auf der Suche nach einem Ort, an dem wir wirklich unsere Kultur leben können und an dem ich vielleicht auch noch etwas mehr Aufmerksamkeit für meine Arbeit bekomme.«

 

Hanaros und Toyas Reality-TV

Mit der Pott-Szene ist er nicht verbandelt. Eigentlich kennt er keinen der unzähligen Tätowierer dort persönlich. Vielmehr ist er unter anderem mit den Studios Forever St. Pauli und AKA aus Berlin in regem Austausch. Diese Institutionen teilen seine Leidenschaft für Traditional Bold Black, wie er es nennt. Zudem behält er die internationale Szene im Blick. So tourte er auch dieses Jahr zur unter Tätowierern sehr angesehenen Brighton-Convention. Toya hat dies filmisch festgehalten. Wer will, kann das Treiben sowie die charismatische Wechselwirkung der beiden auf zahlreichen Youtbue-Videos (Youtube: Toya Shinko) stalken: Morgendliches gemeinsames Aufwachen, Shopping, Tipps für das erste Tattoo – von Toya. Hanaro bleibt sich treu – und somit wortkarg. Sein Fokus weicht nie ab vom Tätowieren.

 

 

Hanaro und Toya entern den Big Apple.

 

Tattoo von Hanaro Shinko, www.tattootimes.de

Unverwüstlicher Backhander.

Terminvereinbarung:

Hanaro Shinko

The White Room

Essen (Bergerhausen)

Youtube: Toya Shinko

 

Tattoo-Fotos: Hanaro Shinko
Foto von Hanaro Shinko: vientranvan.com, instagram.com/vientranvan

 

10. Dezember 2016