Tätowierer Levgen vom Voice of Ink, tattootimes.de
Tattoo Artists

Alles real – Realistische Tattoos von Levgen // Interview

Eigentlich war der Ukrainer Eugene Knysh, aka Levgen, drauf und dran Zahnarzt zu werden. Doch unter dem Einfluss eines Tätowierers wurde er letztlich selbst zum Experten für realistische Tattoos.

 

Tätowierer Levgen vom Voice of Ink, tattootimes.de

Levgen reist und gewinnt oft. Auf der Tattoo Expo in Zwickau könnt ihr ihn persönlich treffen.

Die Realistic-Welle ist längst unaufhaltsam über Traditionalisten und New Schooler, Hater und Fans dieses polarisierendsten aller Stile hereingebrochen. Ungeachtet der Kritik an der Haltbarkeit ihrer Werke gehen Tätowierer dieses Genres weltweit ihren Weg und zeigen, welches Potential Farbpigmente unter der Haut haben. Nebenbei erweitern sie dabei den Horizont all derer, die diese ausgefeilten Arbeiten zu sehen bekommen. Ob man will oder nicht.

 

Bald noch bessere Ergebnisse? Für Levgen absolut real

 

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Das Spiel mit Farben beherrscht der Ukrainer ebenfalls virtuos.

Levgen, 29, wollte sich ursprünglich um die orale Gesundheit seiner Mitmenschen kümmern als ihm ein Tätowierer während seines Zahnarztstudiums seine Arbeiten zeigte. Zögernd betrat Levgen daraufhin das globale Wohnzimmer namens Tattoo-Szene. Heute zählt er zu den fähigsten seines Fachs. Ein Ende der eigenen und allgemeinen Farb-Realistic-Entwicklung ist für ihn, der sich mittlerweile in Breslau in Polen niedergelassen hat, auch angesichts von Tätowierungen die die Realität nahezu 1:1 wiedergeben, nicht in Sicht. In Zukunft noch bessere Ergebnis zu erzielen, hält er für absolut real.

 

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Bis zu neun Stunden am Stück tätowiert Levgen detailierte Arbeiten wie diese.

Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht

 

Heutzutage kommen Tätowierer ja aus allen Bereichen. Aber vom Zahnarzt um Tätowierer ist eher selten. Wie kam es dazu?
Ich zeichnete ständig während des Unterrichts an der Uni. In dieser Zeit traf ich einen coolen Typ namens Roman. Er war ein junger Tätowierer und er zeigte mir seine Arbeit. Es interessierte mich und ein Jahr darauf ging ich zu meiner ersten Convention in Kiev. Als Besucher natürlich. Aber ich war mir immer noch nicht sicher, ob das das Richtige für mich war. Ich hatte gar nicht das Geld, um all das Zubehör zu kaufen und hatte etwas Angst den ersten Schritt zu gehn.

 

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Jede Szenerie und jedes Ereignis weiß Levgen in punktgenaue Realistic-Tattoos umzusetzen.

»Ich hatte Angst den ersten Schritt zu gehen«

 

Aber schließlich war ich ja Medizinstudent und hatte somit kein Problem Piercer zu werden, um Geld für dieses Zubehör zu erwirtschaften. Das machte ich sechs Jahre lang. Heute pierce ich nicht mehr, aber so brachte ich das nötige Geld zusammen, um mit dem Tätowieren anzufangen. Und jetzt bin ich hier und glücklich in Europa. Hier gibt es viele Conventions auf denen ich Freunde und interessante Menschen treffen kann.

 

»Nur im echten Leben bekommst du echte Inspiration«

 

Wir diskutieren, zeichnen, kritisieren uns konstruktiv, kreieren Neues und erhöhen somit unsere Skills in Sachen Tattoos und Kunst. Wir leben im Internetzeitalter und haben Zugang zu allen Künstlern der Welt. Auch das nutze ich. Ich beobachte Graffiti-Künstler, Maler und Tätowierer. Das beeinflusst mich. Instagram hilft mir dabei. Aber nur im echten Leben erlebst du dazu auch eine Menge positiver Gefühle und Inspiration.

 

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Skin Wars. Für Levgen gibt es in Sachen Details und Motive keine Grenzen.

»Tätowieren ist ein Job wie kein anderer«

 

Auch deine Arbeit wird von anderen Tätowierern online verfolgt. In einem Interview mit Ben Schafroth, einem Lettering-Spezialisten aus der Schweiz, sagte er mir, dass er große Achtung davor hat mit wieviel Geduld und Detailliebe du deine Arbeiten auffüllst. Und er hat sich gefragt: »Wie schafft der das?«
Tätowieren ist für mich ein Job wie kein anderer, wo Menschen mehr oder weniger zwangsweise hingehn. Ich knie mich in meine Arbeit so rein, weil ich sie so sehr mag. Ich mag Tattoos und das Lächeln meiner Kunden, wenn sie sich ihr neues Tattoo das erste Mal im Spiegel ansehn. Natürlich ist es anstrengend soviel zu geben, aber gleichzeitig macht es mich glücklich. Das ist mein Leben.

 

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Der blaue Schimmer erzeugt zusätzliche Wirkung.

»Es ist anstrengend soviel zu geben, aber es macht mich glücklich«

 

Was ist für dich die größte Herausforderung beim Stechen eines Realistic-Tattoos?
Du musst es so realistisch wie möglich machen, um diesen lebensechten Effekt zu erreichen. Farben, Licht, Tiefe. Diese Elemente machen ein Realistic-Tattoo aus und es ist sehr schwer das alles unter die Haut zu bringen. Es ist schon schwer genug ein realistisches Abbild zu zeichnen und zu malen. Aber beim Tätowieren ist es noch schwerer. Zudem musst du auch die passende Körperstelle für so ein Tattoo finden – ebenfalls nicht leicht. Dabei kommt es auf jedes Detail an, das an der richtigen Stelle des Körpers sitzen muss. Das Tattoo muss auf den Körper maßgeschneidert werden.

 

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Nicht nur technisch ein Meisterwerk. Nur mit viel Geduld und Akribie erzielt er solche Ergebnisse.

»Es kommt auf jedes Detail an«

 

Realistisches Tätowieren hat ein Level erreicht, an das vor ein paar Jahren noch nicht zu denken war. Glaubst du, da geht sogar noch mehr?
Zur Zeit leben wir in einer Periode einer schnell wachsenden Tattoo-Industrie mit allem drum und dran. Das beeinflusst die Szene in vielerlei Hinsicht. Aber sogar jetzt können wir noch mehr erreichen. Da bin ich mir sicher. So viele Tätowierer zeichnen und malen so vieles. Auch in unserem Studio ist das der Fall. Das machen wir zusammen mit klassischen oder Street-Art-Künstlern. Wir lernen von ihnen dazu und bekommen neue Einblicke in die Kunst. Das wiederum verarbeiten wir in unseren Projekten und Tattoos. Junge Künstler drängen in die Tattoo-Szene und bringen uns frische Sichtweisen. All das bringt die Tattoo-Kunst allgemein nach vorne.

 

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Den Ausdruck des Luchses trifft der Tätowierer genau und unverfälscht.

»Junge Künstler bringen frische Sichtweisen«

 

Du arbeitest stundenlang an einem Tattoo. Sind dafür manchmal bestimmte Betäubungsmittel notwendig? Zumal du ja eine medizinische Ausbildung hast.
Normalerweise tätowiere ich sieben bis neun Stunden pro Session und Tag, Pausen und Vorbereitung nicht mit eingerechnet. Dabei verwende ich keine Painkiller oder sonstige Mittel an meinen Kunden. Klar, ich bin Arzt und könnte so einiges in dieser Hinsicht entwickeln, aber das ist gar nicht notwendig. Tattoos tun weh, das ist normal.

 

»Ich tätowiere sieben bis neun Stunden pro Session«

 

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Als würde man sich einen Blue-Ray-Film ansehen.

Und wenn mir jemand erzählen will, dass ich solche Mittel anwenden müsste, damit er oder sie dem Schmerzen entgehen kann, dann sage ich: »Nein, ich muss das nicht.« Bis heute ist noch keiner gegangen bevor sein Tattoo fertig war. Wenn du nicht bereit für den Schmerz bist, musst du woanders hin. Sorry, aber das ist die Wahrheit.

 

»Sorry, aber das ist die Wahrheit«

 

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Details ohne Ende. Es scheint, als müssten Kunden heute auf keine Einzelheit mehr verzichten.

Wie kommt’s, dass du dich ausgerechnet auf Realistic konzentriert hast und nicht auf andere Stile?
Als ich noch in der Ukraine gearbeitet hab, habe ich unterschiedliche Stile ausprobiert, wie zum Beispiel Japan-Style oder New School, Neo-Traditional und Lettering, hab Ornamente und Dotwork gestochen. Ich mag Neo-Traditional und Lettering immer noch sehr und verfolge die Arbeit vieler Künstler in diesem Bereich und zeichne sogar manchmal noch in diese Richtung. Warum genau ich besonders Realistic-Tattoos mag, das weiß ich gar nicht so genau. Allerdings hasse ich es Familien-Porträts zu stechen. Das versuche ich wirklich zu vermeiden. Ich mag sie einfach nicht.

 

»Allerdings hasse ich es Familien-Porträts zu stechen«

 

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Viel Schwarz ist auch bei Realistic vonnöten. Die Flammen umrahmen das Hauptmotiv.

In der Ukraine findet derzeit ein Krieg statt. Wie erlebst du diese Situation?
Das ist kein leichtes Thema für mich. Ich bin sehr genervt von dieser Situation und seit zwei Jahren lese ich keine News mehr zu dem Thema. Mittlerweile habe ich eine apolitische Haltung eingenommen. Ich mag meinen Geburtsort, aber hasse diese Politiker. Ich habe viele Freunde in Russland und der Ukraine. Meine Eltern leben in der Ukraine, mein Onkel und seine Familie in Moskau.

 

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Lost in Space. Levgens Arbeiten sind nicht nur technisch perfekt, sondern auch atmosphärisch.

»Damit machen sie das große Geld«

 

Aber die Politiker dieser Länder schaffen große Probleme für diese beiden Nationen, die immer eng miteinander befreundet waren. Damit machen sie das große Geld. Ich kann das wirklich alles nicht mehr verstehn. Jetzt kann ich meine Eltern nicht mehr so entspannt besuchen, wie ich das gern möchte. Zwischen uns Künstlern gibt es diese politischen Spannungen nicht. Als ich zuletzt in Sankt Petersburg auf einer Convention war, haben wir eine schöne Zeit mit unseren Freunden verbracht.

 

»Ich habe viele Freunde in Deutschland«

 

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Ein Octopuss tötet einen Taucher. Inhaltlich und technisch das reinste Spektakel.

Welches Verhältnis hast du zu Deutschland?
Jedesmal wenn ich hierher komme, macht mir das riesigen Spaß. Ich habe viele Freunde in Deutschland. 2015 war ich auf der Convention in Berlin. Das war extrem hart, aber wir haben‘s geschafft. 2016 war ich in Zwickau auf der Tattoo Expo und hab ein paar Studios besucht. Ich habe vor, in ein paar deutschen Studios Guest Spots zu machen. Auch 2017 will ich wieder zur Tattoo Expo. Die haben dort eine super Atmosphäre und gute Künstler.

 

Terminvereinbarung:

Levgen
instagram.com/levgen_eugeneknysh
Voice of Ink
Komuny Paryskiej 63A
Breslau, Polen,
Tel.:+48 731 100 590

 

Fotos: Levgen

25.11.2016