Tattoo Artist Pino Cafaro, White Fox Gallery, tattootimes.de
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100 Fragen an Pino Cafaro // Der Asia-Master über Mode, Schlammketschen und Kitsune // Interview, Teil 1/3

Wer was über den Lebenslauf eines der beachtlichsten Tätowierer Deutschlands wissen will, kann jetzt weg-klicken. Hier geht’s um Wichtigeres. Zum Beispiel darum, wo Pino Cafaro seine exzentrischen Outfits kauft.

 

Tattoo Artist Pino Cafaro, White Fox Gallery, tattootimes.de

Donnergott Raijin schlägt seine Trommel zur Entsendung des Donners.

Für viele Kenner ist Pino Cafaro der Kompetenste seines Fachs hierzulande, in Sachen Form und Inhalt nur schwer zu erreichen. Selbst will der 43-jährige Tätowierer nichts davon hören. Doch auch wenn er sich lustig über seinen Status als Asia-Master macht, egal ist er ihm nicht. Wir treffen ihn an einem herbstlichen Sonntagmorgen in Braunschweig. Pino öffnet uns die Tür zur White Fox Gallery. Im Innern: Weiße Wände, behangen mit Malereien von Tätowierern und anderer Künstler. Alle sind in schwarze Rahmen gefasst. Der abgeschliffenen Betonboden glänzt in verwaschenem Grau.

 

Egal ist ihm sein Status nicht

 

Pino, wie immer in Anzugsweste und Baskenmütze gekleidet, führt uns durch seine über 100 Quadratmeter weiträumige Galerie, innerhalb derer man auf japanische Samurai-Rüstungen und verschiedene Fuchs-Taxidermien trifft.  Tony Bennetts Stimme schmiegt sich im Hintergrund aus Boxen durch die Räume. Schließlich finden wir uns im vom Tageslicht erhellten Zeichenraum ein, an einem stattlichen weißen Tisch mit Blick auf die Straße. Tätowiererin und Pinos Ehefrau Marijana bietet uns etwas zu trinken an, während Pino original Ukiyo-e-Holzschnitte aus dem 19. Jahrhundert auspackt, die er erst kürzlich ergattern konnte.

 

Die White Fox Gallery geht über ein Tattoo-Studio hinaus

 

Langfristig planen er und sein Team in den Handel mit diesen wertvollen asiatischen Stücken einzusteigen. Das Wörtchen Gallery ist Programm bei White Fox. Ausstellungen sollen dort bald stattfinden, Bilder verkauft und Besucher empfangen werden. Das nächste Level ist erreicht. Die White Fox Gallery geht über ein Tattoo-Studio hinaus, hin zum ambitionierten Kulturhaus.

 

 

Seinen Lieblingsrapper nennt er uns wie aus der Glock geballert

 

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Hannya in schlichtem Design erzielt starke Wirkung.

Bei aller Seriosität und hohem Anspruch entpuppt sich Pino aber auch als Entertainer in allen Tonlagen, der während des Interviews verschiedene Personen leidenschaftlich imitiert, improvisierte und authentische Geschichten erzählt, schreit, lacht, sich langweilt und sogar eine Operette trällert. Die Jugendsprache ist ihm ebenfalls nicht nur bloß random bekannt und seinen Lieblingsrapper nennt uns der Mann von Welt auch wie aus der Glock geballert (in Teil 2).

 

Unsere Fragen findet Pino oft seltsam, selten auch gut

 

Er ist der Partner für unser erstes 100-Fragen-Interview, innerhalb dem wir einem sehr angesehenen Tätowierer, die von Szene-Journalisten oft nur mit Samthandschuhen angefasst werden, von einer privateren Seite zeigen. Unsere Fragen findet Pino des öfteren unnötig, seltsam, lächerlich und unverschämt, selten auch gut. Ready to Rumble?

 

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Namakubi, ein frisch abgeschlagener Kopf. Abgetrennt durch ein Wakizashi, einem Kurzschwert.

1. Woher bekomme ich anständige Anzugswesten?
Das laute herzhafte Lachen Pinos schallt durch die Gallery. Dann fährt er wieder runter und antwortet entspannt: Bei Thomas Farthing. In der Londoner Museums Street.

2. Was trägt man zu einer Anzugsweste?
Ich trage immer langärmlige old fashion Unterwäsche-Shirts, weil sie sehr bequem sind. Aber am besten trägt man dazu natürlich Hemd und Krawatte, oder Fliege.

 

» … ähnlich wie Schwule gestehen, dass sie die Po-Liebe mögen«

 

3. Woher kommt deine Art dich so zu kleiden?
Das ist sehr einfach. Ich bin kein Retro-Nostalgie-Fuzzi, der rumrennt wie in den 30ern. Bei mir ist das eine Form der Exzentrik. Daraus mache ich keinen Hehl. Ich hatte mein Exzentrik-Coming-out, ähnlich wie Schwule ihren Eltern gestehen, dass sie die Po-Liebe mögen. Außerdem muss ich so keiner Mode nachlaufen weil, was ich trage, trägt man seit 60 Jahren nicht mehr.

4. Was hält dich in Braunschweig?
Das ist einfach der Ort, den ich mir ausgesucht habe.

5. Ist es nicht seltsam in BRAUNschweig in der ADOLFstraße zu arbeiten?
Auf einmal hallt Hitlers Organ durch die Galerie. Pino hat seine Führer-Imitation rausgekramt und antwortet laut: Das hab ich mir so ausgesucht! Wir wollten eigentlich die Hausnummer 88, haben sie aber nicht bekommen! Noch witziger an dieser Angelegenheit ist, dass ich privat in der Jasper-Alle wohne, der ehemaligen Adolf-Hitler-Allee in Braunschweig! (lacht)

 

Pino imitiert Hitler. Hör’s dir an:

 

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Gemäß der Tradition komischer Darstellungen in der japanischen Malerei, trägt dieser Frosch Gewand und Sonnenschrim.

»Ich wohne in der ehemaligen Adolf-Hitler-Allee!«

 

6. Was zeigst du deinen Gästen bei einer Stadtführung durch Braunschweig?
Die alten Marktplätze dieser über 1000 Jahre alten Stadt, die Altstadt, das alte Schloss. Viele glauben, Braunschweig sei eine Art Trabantendorf, von daher freue ich mich, wenn ich den Leuten zeigen kann, wie schön es hier ist.

7. Die schönste Gegend, die du je bereist hast?
Die Welt.

8. Mit welcher Airline fliegst du am liebsten?
Mit keiner. Ich flieg nicht gern.

9. Womit beschäftigst du dich während eines Langstreckenflugs nach Japan?
Mit Schlafen.

10. Wie hast du es übers Herz gebracht, dir deine Dreads abzuschneiden?
Mit einer Schere. Ich war sieben Jahre alt. Jetzt bin ich 43. Was soll ich noch mit Dreads? Dreads sind irgendwie keine Frisur. Solange man nicht glaubt, dass Haile Selassie die Wiedergeburt Jesu auf Erden ist, sollte man von Dreads Abstand nehmen.

 

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Gegen den Strom: Der Koi ist der Japan-Klassiker schlechthin.

»Dreads sind irgendwie keine Frisur«

 

11. Apropos Wiedergeburt. Feierst du Weihnachten?
Nein.

12. Pizza, Burger oder Pasta?
Sushi.

13. Wie alt möchtest du werden?
Ich äußere mal lieber keine Wünsche und versuche bescheiden zu bleiben.

14. Wie lange möchtest du bis dahin noch tätowieren?
Solange ich das Gefühl habe, noch nicht erreicht zuhaben, was ich erreichen möchte.

15. Warum hatte der Studio-Name Elektrik Revolver ausgedient?
Weil wir uns mit der Zeit so stark verändert haben, dass unser Name sich auch ändern musste. In der japanischen Kultur weicht der Jungenname später auch dem erwachsenem Namen. Der Schmetterling wird ja auch nicht gefragt, warum er keine Raupe mehr sein will. Wir haben jetzt ein anderes Level erreicht.

 

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Der Affe Son Goku, erschuf laut japanischer Mythologie mit seinem Stab die Milchstraße.

»Wir haben jetzt ein anderes Level erreicht«

 

16. Wieso dann der Name White Fox Gallery?
Kitsune (eine Fuchs-Figur der jap. Mythologie. Anm. d. Bloggers) ist einer meiner Lieblingsgeister der japanischen Mythologie. Allerdings wollten wir keinen japanischen Namen. Der Zusatz Gallery besteht deshalb, weil wir zukünftig auch im Galeriegeschäft tätig sein wollen: Ausstellungen veranstalten und eventuell in den Handel mit Ukiyo-e einsteigen. Eine Galerie lässt uns einfach alle Optionen, uns in jede Richtung kulturell zu engagieren.

»Die weiße Füchsin ist Mätresse am Hof des Kaisers«

 

17. Wie lautet die Geschichte des weißen Fuchses in Kurzform?
Die weiße Füchsin kommt aus dem Westen, wahrscheinlich aus China. Sie wandert in Menschengestalt in Japan ein, um am Hofe des Kaisers als Mätresse zu dienen. Mit ihren magischen Fähigkeiten hat sie ihn bald gänzlich unter Kontrolle. Entlarvt von einem Mönch, flieht Kitsune gen Himmel. Dabei wird sie von einem Bogenschützen erlegt und fällt als schwarzer Monolith zu Boden. Diese gebündelte negative Essenz des Universums wird heute noch in Japan aufgehoben und befindet sich dort unterhalb eines Tempels versiegelt in einer Kiste. Aber es gibt viele japanische Legenden um Füchse, speziell um Kitsune herum.

 

Pino erzählt die Geschichte der Füchsin Kitsune.

 

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Ein Mönch hält die Maske eines Tengus in der Hand.

18. Wie oft im Leben hast du neu angefangen?
Nie.

 

»Es ist ein Kinderspiel ein phänomenales Tattoo zu machen!«

 

19. Was ist das Zehrendste an deinem Job?
Ich sag das mal mit den Worten Miyazos, einem Tätowierer aus Japan: »Es ist überhaupt kein Problem, ein richtig geiles Tattoo zu machen. Es ist ein Kinderspiel ein phänomenales Tattoo zu machen! Schwierig ist es nur, das jeden Tag zu machen.«

20. Was tun, wenn man sich überarbeitet hat?
Es bringt nichts, Urlaub zu machen, wenn man erschöpft ist. Stattdessen muss man seinen Rhythmus verändern und seine Ernährung. Du musst anfangen humaner zu arbeiten. Ich glaube, man ist erschöpft, weil man in einer Zeit angefangen hat zu tätowieren, in der man jung war und extrem viel Energie hatte. Früher habe ich sieben Tage die Woche gearbeitet. Heute weiß ich, dass ich nur ein Kontingent an Energie habe. Und das Berufsleben ist kein Sprint, es ist ein Marathon und es wäre gut, wenn wir es alle ins Ziel schaffen.

 

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Samurai Minamoto No Yori Mitsu (Arm) schlägt Shuten Doji, einen zu viel Sake trinkenden jungen Mann (Brust).

»Es wäre gut, wenn wir es alle ins Ziel schaffen«

 

21. Wie regenerierst du dich?
Durch kleine Auszeiten oder durch Sport, den ich erfolgreich seit neun Monaten gemieden habe. Aber ich glaube tatsächlich, dass jeder seinen Weg findet, sich zu regenerieren.

22. Weswegen liegst du nachts wach?
Tu ich nicht.

23. Welcher Newcomer hat ich beeindruckt?
Pino muss einen Moment überlegen. Dazu bin ich wohl zu wenig am Puls der Zeit. Ich hab mich da ein bisschen rausgenommen und beobachte die Szene nicht.

24. Was lehrst du deinen Lehrlingen zuerst?
Ich habe keine.

 

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Tiger und Koi bettet Pino in einen schwarzen Hintergrund.

»Jeder findet seinen Weg, sich zu regenerieren«

 

25. Wieviel Bücher besitzt du?
‚Ne Menge.

26. Wovon handeln die meisten?
Das Meiste handelt von japanischer Kunst. Der Rest von Geschichte und Philosophie.

27. Bei welcher Sportart siehst du am liebsten zu ?
Schlammketschen.

28. Männlich oder weiblich?
Weiblich.

29. Welche Sportart betreibst du selbst?
Ich habe früher viel Leichtathletik und Kampfsport gemacht. Zur Zeit beschränke ich mich auf gelegentliche CrossFit-Attacken.

 

»Man sollte die Leute zum Tätowieren zwingen«

 

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Schlichtheit und Sorgfalt regieren die Optik der Galerie.

30. Was hältst du von einer staatlichen Ausbildung für Tätowierer?
Im Folgenden wird Pino mit einem gewissen Wutgehalt die Sarkasmus-Keule schwingen. Dieses Thema ärgert ihn: Ich find das super. Man sollte sogar Leute dazu zwingen und Internierungslager dafür schaffen. Jedes zehnte Kind sollte von seinen Eltern in der Tätowierschule abgegeben werden, um da Tätowieren lernen zu müssen. Das muss sein, sonst stirbt das ja aus. Das wär eine Tragödie für mich. Und wenn jemand das reglementieren sollte, dann der Staat. Wem anders sollten wir vertrauen, wenn nicht dem Allvater?

Pino zu einer staatlichen Ausbildung für Tätowierer:

 

»Was geht dich das an?!«

 

31. Worüber hast du mir Rode gesprochen, als er dich an deinem Stand auf der Tattoo Expo Aachen besucht hat?
Haha! Was geht dich das an?! (lacht)

32. Sind Tätowierer heute noch Rebellen oder eher Nerds?
Ich kann die Frage so nicht beantworten. Ich könnte jetzt über die Szene nachdenken, aber das führt zu nichts.

33. Welcher Tätowierer dürfte auf deiner Convention nicht fehlen?
Das wäre eine lange Liste. Also dürfte meine Liste nicht fehlen.

 

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Samurai und Oni-Teufel, wie immer crispy-clean umgesetzt.

»Ich kann die Frage so nicht beantworten«

 

Im Zweiten Teil des Interviews klären wir, ob man vom Tätowieren reich wird, ob es zu viele Tätowierer in Deutschland gibt und warum man sich überhaupt von Pino Cafaro tätowieren lassen sollte. Demnächst auf www.tattootimes.de.

 

 

 

Terminvereinbarung:

Pino Cafaro
White Fox Gallery
Adolfstraße 58
38102 Braunschweig

Tel.: +49 5 31 / 7 36 44
E-Mail: info@whitefoxgallery.de
facebook.com/whitefoxgallery
instagram.com/whitefoxgallery

 

Fotos: White Fox Gallery, tattootimes.de

Video: White Fox Gallery

03. Dezember 2016