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100 Fragen an Pino Cafaro // Filip Leu, schmerzfreies Tätowieren, Realsitic-Tattoos // Interview, Teil 2/3

Auch in Teil 2 tritt Pino Cafaro fest aufs Fußschalter-Pedal, wehrt sich gegen unsere Fragen und beantwortet sie trotzdem. Mal sarkastisch, mal todernst. Wer Teil 1 verpasst hat, findet ihn hier.

 

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Der Tiger bleibt angriffslustig, obwohl sich ein Kurzschwert durch seinen Schädel bohrt.

34. Wird man vom Tätowieren reich?
Klar. (lacht)

35. Inwiefern entwickelt dich dein Beruf menschlich weiter?
Gar nicht.

36. Was tun, wenn ein Kunde nicht still hält beim Tätowieren?
Das gibt es nicht.

37. Hattest du mal das Bedürfnis Farb-Realistic zu stechen, nur um zu wissen, ob du das auch könntest?
Klar, ich hab ständig solche Bedürfnisse. Ich wollte zum Beispiel letztens die Titanic mit Streichhölzern im Maßstab 1:1200 nachbauen. Ich wollte einfach wissen, ob ich das kann. Ich kann ja manchmal nachts nicht schlafen, weil ich ja immer wissen will, ob ich das auch kann. Ich komm gar nicht mehr zum Arbeiten. Als du mich am Anfang gefragt hast, weswegen ich wach liege, habe ich gelogen. Ich liege nachts wach und denke mir: Könntest du eigentlich auch Farbrealismus tätowieren?

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Im Japanischen verbindet man traditionell Arm mit Brust und platziert darauf rachsüchtige Hannays und zwielichtige Gestalten.

»Ich hab ständig solche Bedürfnisse«

 

38. Was war anders, als du vor über 18 Jahren mit dem Tätowieren angefangen hast?
Alles!

39. Gibt es zu viele Tätowierer in Deutschland?
Ja.

40. Für viele ist Tätowieren eine simple Sache. Warum ist es das nicht?
Es ist ein Handwerk. Welcher Tischler sagt, dass Tischlern eine simple Sache ist? Was ist schon eine simple Sache?

Pino kommt jetzt richtig in Fahrt.

Es ist simpel, wenn du sowas von ultratalentiert und überambitioniert bist. Zumal es beim Tätowieren nicht nur um das Handwerk geht. Es ist nicht schlicht, nicht simpel. Es ist ein schönes tiefes Handwerk.

 

Pino über das Handwerk des Tätowierens:

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Immer wieder überzeugen Pinos Arbeiten durch Klarheit, wie hier bei diesem Oni-Teufel.

41. Wie haben dir die psychedelischen Arbeiten gefallen, mit denen Filip Leu vor ein paar Jahren um die Ecke kam?
Nicht so gut.

 

Was ist schon simple, fragt sich Pino Cafaro?

 

42. Wärest du an einer Methode interessiert, dich schmerzfrei tätowieren zu lassen?
Mich persönlich? Voll.

 

»Das ist die erste gute Frage, die ich höre.«

 

43. Mit der Arbeit welcher Tätowierer sollte man vertraut sein?
Das ist die erste gute Frage, die ich höre. Wenn man sich entschieden hat, einen bestimmten Stil zu tätowieren, dann wäre es gut, wenn man versteht, wer den Weg dorthin geebnet hat. Wenn man also über die Tätowier-Geschichte des eigenen Landes, des eigenen Kontinents bescheid weiß. Wenn man lernt, die Zusammenhänge zu verstehen. Arbeitest du also im New School oder Neo-Traditional, dann solltest du wissen, wer diese Stile begründet hat. Wer vor dir diesen Stil idealisiert hat.

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

In der japanischen Kunst werden Tiere zur Vermenschlichung oft in Kleidung gehüllt.

 

History matters:

 

44. Mit welchen Maschinen tätowierst du?
Unterschiedlich. Prinzipiell mit Coil-Maschinen von unterschiedlichen Herstellern. Ich habe circa 70 Maschinen, alle Querbeet.

 

»Das wurde ich noch nie gefragt«

 

45. Geht dir das Krachen von Spulenmaschinen immer noch nicht auf die Nerven?
Mir nicht, und die andern frag ich nicht.

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Hier entsteht ein Bodysuit, dessen Front die Gottheit Fudō Myōō einnimmt.

46. Lässt sich kalte oder warme Haut besser tätowieren?
Das wurde ich noch nie gefragt. Ist mir egal.

47. Welche Farben verwendest du?
Rot. Grün. Gelb. Hellgelb. Orange. Braun. Beige. Blau, aber ganz selten. Hellgrün. Dunkelgrün. Dunkelbraun. Mittelbraun, nur manchmal. Hellrot. Dunkelrot. Schwarz auch.

48. Welche Eigenschaften machen für dich eine gute Farbe aus?
Mit diesem Thema beschäftige ich mich gerade wirklich. Ich bin da etwas gespalten. Die Farbe sollte an meine schnellen Bewegungen in der Haut angepasst sein. Die Farbe sollte mir folgen können. Es hat sich herausgestellt, dass wenn Farben niedrig-viskos sind, also sehr cremig, sie dann schwierig für mich zu verarbeiten sind. Es kommt also auf die richtige Konsistenz an.

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Vom Körper getrennt und von Pfeilen durchlöchert: Namakubi, ein frisch abgeschlagener Kopf.

»Da bin ich gespalten«

 

49. Was wärst du geworden, wenn nicht Tätowierer?
Kaiser der Welt.

50. War tätowiert sein für dich anfangs Rebellion?
Ja.

51. Weshalb lässt man sich heute tätowieren?
Tja, da fragst du mich was. Mit Sicherheit lassen sich Leute auch heute noch aus Gründen tätowieren, die ich nachvollziehen kann, die vielleicht meinen gleichen. Aber es gibt mittlerweile Leute, die Motive haben, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich stelle fest, seitdem das Tätowieren im kulturellen Sinne überhand genommen hat, wollen die Leute sich unbedingt tätowieren lassen, ohne gleichzeitig Liebe zu empfinden für die Kultur des Tätowierens, für die Tätowierung an sich. Sie möchten tätowiert sein, sich aber nicht mit Tätowierungen auseinandersetzen.

 

»Leute tragen Motive, die ich nicht verstehen kann«

 

Ich spreche für mich und für andere, wenn ich sage, dass es mir darum ging so schnell wie möglich Farbe zu haben, um cool und gefährlich auszusehen. Wenn ich dann heute von meinen Kollegen mitbekomme, wie oft die ein Popel-Tattoo um Millimeter von links nach rechts verschieben müssen, weil die Kunden das so wollen, erregt das mein Entsetzen und Unverständnis. Kann ich nochmal die Nüsse haben? Wir reichen ihm die Cashews rüber und Pino beginnt zu essen. Kauend beantwortet er die nächste Frage.

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Grausame Geistergeschichten haben in Japan Tradition. Pino verfasst sie in Tattoos.

Darum ließ Pino sich tätowieren:

 

»Die Leute wollen tätowiert sein, ohne Liebe zu empfinden«

 

52. Warum sollte man sich von dir tätowieren lassen?
Man sollte sich von jemandem tätowieren lassen, der gewissenhaft arbeitet, der versucht, dir sein Bestes zu geben. Ich glaube, das tu ich. Denn mir ist nichts egal am Tätowieren. Die Garantie kann ich geben. Aber dann hängt es noch davon ab, ob jemand meinen Stil mag oder nicht.

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Pino hält seine Farben gedeckt, auf Details verzichtet er nicht.

»Das erregt mein Entsetzen und Unverständnis«

 

53. Farbrealistic oder Avantgarde?
Gar nichts.

 

»Mir ist nichts egal am Tätowieren«

 

54. Dein ärgerlichstes Kundenerlebnis?
Mir ist mal einer abgehauen, aber das waren andere Zeiten. Ich hab mal ein riesen Tribal auf jemandem gestochen, einen ganzen Arm, an einem Tag. Zu dem Zeitpunkt war ich vielleicht zwei Jahre Tätowierer. Jedenfalls hab ich mich damals schon auf die Kohle für dieses Teil gefreut. Ich dachte, ich rotz das Ding drauf und er kann dann ja zum Nachstechen kommen. Ich hab ihm einen Heiden-Preis gesagt.

 

»Dann wurde der Mann gesucht«

 

Dann hab ich mich mit einer Engelsgeduld hingesetzt – die bewahre ich in einem kleinen Säckchen auf und hol sie raus, wenn ich was wirklich will. Ich hab dann stundenlang nur schwarz tätowiert. Und als wir kurz vor Schluss standen, fragte er, ob er mal kurz auf die Toilette dürfe, die wir uns damals noch mit einem Friseurladen nebenan teilten. Dazu mussten die Leute also unseren Laden verlassen. Der Typ kam nie wieder und ich hab mich so geärgert. Und mein Boss natürlich auch. Dann wurde der Mann gesucht. Und der Mann wurde auch gefunden. Und er hat das wirklich bitterlich bereut, dass er mich hat sitzen lassen. Heute reagiert man natürlich nicht mehr so. Aber früher war das anders.
Ein gehässiges Kichern entfleucht dem Tätowierer.

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Und wieder: Kopf ab.

»Der Typ kam nie wieder«

 

55. Warum lohnt es sich freundlich zu bleiben?
Da ich kein zu berechnender Mensch bin, weiß ich nicht um die Lohnenswertigkeit von Freundlichkeit.

56. Suchst du immer noch nach einem zusätzlichen Tätowierer für deinen Shop?
Wir haben einen gefunden.

57. Wie hat sich die Suche gestaltet?
Pino klatscht einmal fest in die Hände.
Stellenausschreibung. Bewerbungen gewollt und bekommen. Abgewogen und ein paar Leute zum Probearbeiten hier gehabt. So hat sich herauskristallisiert, dass ab Januar Dani aus Malaga, der bis vor kurzem noch in London gearbeitet hat, bei uns arbeiten wird. Er sticht Comic-Style.

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Auch die Sagen um selbstlose Krieger sind im Japanischen nahezu unerschöpflich.

58. Welche Eigenschaften musste euer neuer Kollege besitzen?
Eigentlich nur eine: Integrität. Der Rest kommt von allein.

 

»Integrität. Der Rest kommt von allein«

 

59. Was habt ihr ihm zu bieten?
Integrität.

60. Was ist los mit der Jugend von heute?
Pino hat ein paar Cashews nachgeladen, die wir mitgebracht haben und die er anfangs noch verschmähte. Jetzt ist er auf den Geschmack gekommen. Um es mit den Worten von Senecca zu sagen: Die Jugend ist verdorben, faul, hat ihren Elan verloren und ist nicht mehr kompromissbereit. Nein, also ich glaub nicht, das irgendwas nicht stimmt mit der Jugend von heute.

 

Tätowierer Pino Cafaro, tattootimes.de

Im japanischen Theater, dem Kabuki, verwendete man Tiermasken wie diese.

61. Muss man sich immer alles erst verdienen?
Nö.

62. Hattest du viel Glück im Leben?
Ja.

63. Welches Glücksspiel spielst du am liebsten?
Gar keins.

 

»Nöö! So toll sind meine Arbeiten nicht«

 

64. Denkst du manchmal drüber nach, dass die Tätowierungen deiner Kunden eines Tages nicht mehr existieren?
Hm, ne.

65. Möchtest du manchmal wenigstens eine deiner Arbeiten für die Nachwelt konservieren?
Nöö! So toll sind meine Arbeiten nicht.

66. Warum bist du in eine neue Wohnung gezogen?
Weil mir die alte nicht mehr gefallen hat.

 

In Teil 3 spricht Pino Cafaro über den Sinn des Lebens, seinen Lieblingsrapper und singt eine Operette. Demnächst auf www.tattootimes.de.

 

White Fox Gallery Braunschweig, tattootimes.de

Wer sich für asiatische Kultur interessiert, dem wird das Herz in der Galerie aufgehen. Die Samurai-Rüstungen hat Pino aus Japan importiert.

 

Terminvereinbarung:

P. Cafaro
White Fox Gallery
Adolfstraße 58
38102 Braunschweig

Tel.: +49 5 31 / 7 36 44
E-Mail: info@whitefoxgallery.de
facebook.com/whitefoxgallery
instagram.com/whitefoxgallery

 

Fotos: White Fox Gallery, tattootimes.de

 

17. Dezember 2016